Vertretungsstunden
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Vertretungsstunden sind ein leidiges Übel in der
Schule. Sie sind eine Gefahr für die Kontinuität von Unterricht und Erziehung.
Sie treten aber immer auf, weil ein Kollegium sehr selten komplett ist und immer
wieder durch äußere Faktoren in seinem Lehr- und Erziehungsauftrag gestört
wird.
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Die Ursachen sind vielfältiger Natur. Die typische Situation finden Sie im
neben- stehenden Bild: Zunächst
kann der Schulleiter eigentlich gar nichts dafür: Entweder hat sich ein
Lehrer krank gemeldet oder es ist jemand zu einer Fortbildung von der
Bezirksregierung beurlaubt worden, worauf er gar keinen Einfluss hatte. Er
wird also versuchen, den ausfallenden Unterricht vertreten zu lassen. Sind
die Lücken oder die Organisationsprobleme zu groß, wird er auch Klassen
oder Gruppen nach Hause schicken müssen. Er wird diejenigen auswählen,
bei denen das am unproblematischsten geht.
Dadurch werden natürlich Lehrer freigesetzt, die sonst in dieser Klasse
Unterricht hätten. Diese setzt er zu einer sogenannten Ad hoc-Vertretung
ein, gegen die sie sich nicht wehren können. Leider haben meist diese
Lehrer nicht die Fächer, die er eigentlich für den Vertretungsunterricht
braucht. |

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So müssen diese halt die entstandenen Lücken füllen.
Die Kollegen sind stinksauer, weil gerade sie die Vertretung getroffen
hat. Einmal waren sie auf ihren normalen Unterricht vorbereitet, -
der nun ausfällt -, zum anderen müssen sie jetzt in eine völlig
unbekannte (unbeliebte) Klasse. |
Solche
Kolleginnen und Kollegen haben z.B. folgende Möglichkeiten:
- Sie gehen in die betreffende unbekannte
Klasse und teilen ihr mit, dass sie sich ruhig zu verhalten habe, weil
der Fachlehrer krank oder verhindert sei. Sie seien die Vertretung,
habe aber keine Ahnung vom Unterrichtsfach und deshalb könnten alle
Hausaufgaben machen oder sich selbst mit irgendwas beschäftigen.
- Sie haben die Anordnung über den
Vertretungsunterricht erhalten und bereiten sich gewissenhaft auf die
Vertretungsstunde vor, indem sie sich das Klassenbuch vornehmen und
untersuchen, was die Klasse zuletzt durchgenommen hat und welche
Hausaufgaben sie bekommen hat. Sie erkundigen sich bei einem
Fachkollegen über die notwendigen Grundlagen und Vorbedingungen
(alles in der kurzen Pause!). Dann gehen sie gut vorbereitet in die
Klasse und glauben, dass diese allen Ihren Anordnungen folgt...
- Sie wissen, dass ad
hoc-Vertretungsstunden immer ein besonderes Problem darstellen und
zaubern aus ihrer Vertretungsstundenkartei eine passende
Vertretungsstunde für den Jahrgang 9 herbei. Sie fertigen noch
schnell 28 Kopien der Arbeitsblätter und gehen frohen Mutes in die
9b...
- Sie nehmen die Anordnung über den
Vertretungsunterricht in der 9b in einem fremden Fach gelassen zur
Kenntnis, weil sie wissen, dass Ihnen im Laufe der nächsten Stunden
oder Minuten noch etwas Passendes einfällt. Zur Not werden sie einen
Schüler beauftragen, zu rekapitulieren, was in der letzten Stunde
besprochen wurde, dann sollen alle Schüler ihre Bücher herausnehmen
und an dieser Stelle weiter machen. Aufgrund ihres umfassenden
Allgemeinwissens und Ihrer Fähigkeit als Lehrer, sich in fremde
Sachverhalte einzuarbeiten, werden sie den Lernprozess schon in
geeigneter Weise ansteuern...
Aber die Wirklichkeit sieht anders aus:
Die 9b ist gar nicht in ihrem Klassenraum. In Erwartung der Chemiestunde
lungern alle Schülerinnen und Schüler vor dem Chemieraum herum. Ihren
Hinweis, Sie seien die Vertretung und alle zusammen müssten sie nun in
den Klassenraum gehen, quittieren alle mit entsprechenden
Unmutsäußerungen.
Einen richtig netten Text habe ich dazu in einer Zeitschrift gefunden:
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Das (un)heimliche Glück des Lehrers: Vertretungsstunden
Jeden Morgen der suchende Blick im Vertretungsplan, dann das glückliche
Leuchten in den Augen, wenn der eigene Name dort auftaucht: Die
Schulleitung hat Vertrauen in meine pädagogische Arbeit! In fünf
Minuten darf ich eine Geschichtsstunde in der 9. Klasse abhalten!
Normaler Unterricht ist ja kaum der Rede wert, aber eine fremde Klasse
innerhalb kürzester Zeit für sich zu gewinnen, das stellt die wahren
Ansprüche an das Geschick des Lehrers …
Ich suche das Kursbuch des kranken Kollegen, damit ich die Namen
der Schüler parat habe. Trotz hartnäckiger Bemühungen finde ich es
weder in seinem Fach, noch auf seinem Schreibtisch, noch im
Altpapier-Container. Ich ergreife im Davoneilen einen Stapel
Deutsch-Arbeitsblätter, denn leider bin ich keine Geschichtslehrerin
und kann die feinsinnige Bismarck’sche Bündnispolitik, die im 9. Jahrgang gerade Thema ist, nicht spontan abrufen. Im Flur
stehen und rennen diverse Schülerinnen und Schüler herum aber niemand
will sich als Mitglied der zu vertretenen Unterrichtsgruppe outen. Im
Raum toben 13 pubertierende Ungeheuer und lassen sich in keiner Weise
dadurch stören, dass ich respektheischend nach vorne schreite. Dem
fliegenden Schwamm kann ich gerade noch elegant ausweichen, aber das Stück
Kreide trifft mich an der Denkerstirn, die ich daraufhin ergrimmt
runzle. Natürlich lässt sich kein Werfer feststellen. Sehr zögerlich
begeben sich die Schüler nach ungefähr acht Aufforderungen
(Bandbreite: freundlich-beherrscht, sachlich-bemüht bis offen drohend)
auf ihre Plätze und gönnen mir einen kurzen skeptischen, bzw. verächtlichen
Blick. Dann vertiefen sie sich wieder in die Fußballzeitung, ins
Walkmanhören oder in den Streit mit der Nachbarin. Als ich soviel Ruhe
erreicht habe, dass ich mich vorstellen und von meinen Plänen erzählen
kann (Große Empörung: „Wir haben jetzt aber kein Deutsch! Wir haben
Geschichte!!!“), kommen die restlichen Schüler lautstark und in Abständen
von jeweils zwei Minuten in den Raum. Unter Aufbietung alle stimmlichen
Kräfte stelle ich die Anwesenheit fest und male einen Sitzplan. Wobei
die lieben Kleinen es unheimlich lustig finden, ihre Namen zu
vertauschen oder mir ihre Pseudonyme anzuvertrauen (Rambo, Zorro,
Madonna und wie sie alle gerne heißen würden). Ich weise notgedrungen
auf meine ausgezeichneten Kontakte zum Klassenlehrer und zur
Schulleitung hin und kann nun endlich mit meinen Satzteilbestimmungen
beginnen. Die sechs Klassenbraven füllen das Blatt in rührender
Konzentration aus. Sechs weitere malen kleine Vampire und
beilschwingende
Männlein darauf. Zwei Schülerinnen verstricken mich in eine erbitterte
Diskussion über den generellen Sinn von Grammatik. Das interessiert sie
im Grunde nicht die Bohne, erspart ihnen aber vorübergehend lästige
Arbeit. Nach jedem halben Argument muss ich eine Mahnung gegen den Rest
der Klasse aussprechen, der am Fenster rumturnt, mit Apfelresten wirft
oder Papierflugzeuge (aus meinem Arbeitsblatt gefertigt) durch den Raum
flattern lässt. „Können wir nicht rausgehen?“ „Sonst dürfen wir
uns in Vertretung immer selbst beschäftigen!“ „Warum kommt Herr
Bader-Schneider heute nicht?“ Stoisch beantworte ich diese und ähnliche
Fragen, erkläre äußerst unfreundlichen Schülern noch viermal, wie
ich eigentlich heiße, obwohl es an der Tafel steht und lasse mich zu
Versprechungen derart hinreißen, dass wir am Stundenschluss noch etwas
Lustiges spielen, wenn alle gut gearbeitet haben. Nach zwanzig Minuten
betritt ein Mädchen mit einer Ratte auf der Schulter die Klasse, geht
hoheitsvoll an mir vorbei und lässt sich in der letzten Reihe auf einen
Stuhl fallen. Ihren Namen oder den Grund ihres Zuspätkommens möchte
sie mir nicht verraten. Sie denkt auch im Traum nicht daran, ihr Frühstück
oder die Ratte wegzupacken. Als ihr mein Insistieren sichtbar lästig
wird, verlässt sie die Klasse einfach wieder. „Das war Jennifer, die
ist immer so“, versichern mir die Mitschüler freudig erregt und sind
sehr gespannt, was ich jetzt wohl tun werde. (Ich erzähle es hinterher
dem Klassenlehrer und der meint mitleidig: „Komisch, bei mir benimmt
sie sich nie so. Vielleicht war ihr das Thema einfach zu langweilig?“)
Im Bemühen, die Lösung der Aufgaben zu besprechen, steht mir
mittlerweile der Schweiß auf der Stirn und leise Mordgelüste gegen
einzelne Anwesende beginnen Gestalt anzunehmen. Der große Dicke, der
sich nach etlichen Drohungen mit einem Begleitschreiben von mir auf den
Weg zum Schulleiter gemacht hat, kommt höhnischen Blicks zurück.
Angeblich war in sämtlichen Schulleiterbüros niemand anzutreffen. Dafür
hat er auf dem Rückweg in der Cafeteria ein Happy-Brötchen erworben
(ein Negerkuss wird in einem trockenen Brötchen zerdrückt, igitt!).
Also war sein Gang nicht ganz vergebens …
Als es klingelt, werfen die Zöglinge ihre mehr oder weniger ausgefüllten
Blätter triumphierend in den Papierkorb. Und mir fällt der frühpensionierte
Kollege ein, der angeblich in Vertretungsstunden immer kleine Preise
aussetzte, damit der Unterricht erträglich über die Bühne ging: Süßigkeiten,
Schreibwaren, Maxi- CDs …
In der Pause eile ich noch schnell zum Vertretungsplan, um
nachzusehen, wann mir das Glück wieder hold ist!
Gabriele Frydrych
( aus E&W
plus 1/2001) |
Die Schulen werden nicht umhin können, ein
Vertretungskonzept zu verabschieden, in dem
festgelegt wird, wie bei ausfallenden Lehrern zu verfahren ist. Wenn
organisatorische und inhaltliche Bedingungen rechtzeitig geklärt werden
können, sind auch die Vertretungsstunden wesentlich einfacher durchzuführen
und bedeuten nicht eine solche zusätzliche Belastung des Kollegiums. Ein
solches Konzept muss Folgendes festlegen:
- Die Art der Benachrichtigung der Schule bei Ausfall
einer Kollegin oder eines Kollegen Wann muss die Meldung spätestens
erfolgen - an wen muss die Meldung schnellstens weitergeleitet werden)
- Die inhaltlichen Vorgaben einer Ausfallmeldung
(Welche Klasse betroffen ist - welches Fach - welcher Stoff für die
Klasse oder Gruppe vorgesehen war - was stattdessen der
Vertretungslehrer machen könnte)
- Die Sicherstellung der Erreichbarkeit der Kolleginnen
oder der Kollegen für Rückfragen (Präsenz oder schnelle Beschaffung von
Ersatzkräften - Information bei Verlegung von Unterrichtsstunden)
- Schriftliche Anordnung der Ad hoc - Vertretung oder
der längerfristigen Vertretung
- Dokumentation der Lerninhalte und des Lernergebnisses
der Vertretungsstunde
Dabei muss noch unterschieden werden, ob es sich um
einen kurzfristigen Ausfall oder um einen längerfristigen Ausfall handelt.
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Ich halte eine Vertretungsstundenkartei für eine
gute Sache, weil sie hilft, aus einer Notsituation noch eine
Unterrichtsstunde mit einem gewissen Lernerfolg zu machen, ohne dass die
Nerven des Unterrichtenden übermäßig strapaziert werden.
Das lässt sich übrigens für die ganze Schule tadellos erledigen, wenn alle
Kolleginnen und Kollegen ihre Vertretungsstunden einmal sammeln und in Form
von Arbeitsblättern in einer Vordruckmappe zur Vervielfältigung bereit
stellen würden.
Warum nicht mal einen Fortbildungstag zum Thema "Vertretungsstunden"
organisieren und alle diese Schätze in einer Kartei ordnen? Da kommen einige
hundert kreativer Vertretungsstunden zusammen. In dieser Mappe könnte zu
jeder Vertretungsstunde eine Karte liegen, in der eingetragen wird, wer wann
in welcher Klasse die Stunde schon einmal erteilt hat, damit nichts doppelt
eingesetzt wird. |
| Es gibt zwar auch genügend Literatur für
Vertretungsstunden, aber warum sollte man nicht auf diese Weise das
ungeheure Potential des eigenen Kollegiums mit genauen Orts- und
Detailkenntnissen der eigenen Schulumgebung nutzbringend einsetzen?
Wichtiger Hinweis:'
Die Verfahren zur Bezahlung und Verrechnung von Vertretungsstunden habe ich auf
der Webseite Mehrarbeit und Vertretungsunterricht
zusammengefasst. |
Weitere Hinweise:
| Thema/Titel |
Internet-Adresse |
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Letzte Aktualisierung am
16.11.09
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