Sekundarschule und Schulentwicklung in Nordrhein-Westfalen

Die neueste Schulform in Nordrhein-Westfalen ist die Sekundarschule. Sie wurde nach jahrelangem Streit durch den gemeinsamen Konsens von CDU und rotgrüner Regierungskoalition im Juli 2011 begründet.  Man einigte sich auf ein neues Schulsystem, das auf längerem gemeinsamen Lernen aufbaut. Dadurch wurde das Experiment der Gemeinschaftsschule hinfällig, das die rotgrüne Regierung durchsetzen wollte, indem sie 12 Versuchsschulen ohne gesetzliche Absicherung an den Start schickte. Da die bundespolitischen Leitlinien der CDU seit 2010 auf eine Zwei-Säulen-Struktur des Schulwesens hinausliefen, schwenkte man auch in Nordrhein-Westfalen um und einigte sich auf die Sekundarschule, die im Wesentlichen ein Kompromiss aus der neu gegründeten Gemeinschaftsschule der rot-grünen Koalition und der von der früheren schwarz-gelben Koalition favorisierten Verbundschule ist. Eckpunkte der Vereinbarung finden Sie im Originaldokument der gemeinsamen Leitlinien, das ich im Downloadbereich unter Konsens2011.pdf abgelegt habe. Der schulpolitische Konsens sollte für die nächsten 12 Jahre einen Schulfrieden gewährleisten.
Am 20.10.2011 wurden die gesetzlichen Grundlagen für das neue Schulsystem geschaffen, indem man das bestehende Schulgesetz änderte. Die Sekundarschule wurde als weitere Regelschulform eingeführt; dabei wurde mit der erforderlichen Zweidrittelmehrheit auch eine Bestandsgarantie für die Hauptschulen aufgegeben. Im Schuljahr 2015/16 existieren in NRW bereits 117 Sekundarschulen.

Die neue Sekundarschule hat folgende Merkmale:

  • Als Schule der Sekundarstufe I umfasst sie die Jahrgänge 5 bis 10.
  • Sie ist mindestens dreizügig. Horizontale Teilstandortbildungen sind möglich. Bei vertikalen Lösungen kann der Teilstandort einer mindestens dreizügigen Stammschule zweizügig geführt werden, wenn damit das letzte weiterführende Schulangebot einer Gemeinde gesichert wird. Weitere Ausnahmen bei vertikalen Lösungen sind in begründeten Einzelfällen möglich, wenn das fachliche Angebot und die Qualitätsstandards nicht eingeschränkt werden.
  • Der — in der Regel 9-jährige — Bildungsgang zum Abitur wird durch verbindliche Kooperation/en mit der gymnasialen Oberstufe eines Gymnasiums, einer Gesamtschule oder eines Berufskollegs gesichert. Wenn der Bedarf für eine mindestens vierzügige integrierte Schule mit einer eigenen gymnasialen Oberstufe besteht, ist eine Gesamtschule zu gründen, für deren Errichtungsgröße der Wert 25 Kinder pro Klasse gilt.
  •  Die Sekundarschule bereitet Schülerinnen und Schüler sowohl auf die berufliche Ausbildung als auch auf die Hochschulreife vor. Die neu zu entwickelnden Lehrpläne orientieren sich an denen der Gesamtschule und der Realschule. Dadurch werden auch gymnasiale Standards gesichert.
  • In den Jahrgängen 5 und 6 wird gemeinschaftlich und differenzierend zusammen gelernt, um der Vielfalt der Talente und Begabungen der Schülerinnen und Schüler gerecht zu werden.
  • Ab dem 7. Jahrgang kann der Unterricht auf der Grundlage des Beschlusses des Schulträgers unter enger Beteiligung der Schulkonferenz integriert, teilintegriert oder in mindestens zwei getrennten Bildungsgängen (kooperativ) erfolgen.
  • Die zweite Fremdsprache im 6. Jahrgang wird fakultativ angeboten; ein weiteres Angebot einer zweiten Fremdsprache ab Jahrgang 8 sichert die Anschlussfähigkeit für das Abitur.
  • Der Klassenfrequenzrichtwert beträgt 25.
  • Die Lehrkräfte unterrichten 25,5 Lehrerwochenstunden.
  • Die Sekundarschule wird in der Regel als Ganztagsschule geführt, und zwar mit einem Zuschlag von 20 Prozent.

Im Mai 2014 hat die Landesregierung einen Bericht über den Schulkonsens herausgegeben, der die Ergebnisse zusammenfasst. Der Landtag hatte die Landesregierung aufgefordert, nach zwei Jahren Schulkonsens eine erste Bilanz zu ziehen und einen Bericht über die Entwicklungen im Bereich der Sekundarstufe I vorzulegen. Wenn Sie daran Interesse haben, lesen Sie den 87-seitigen Bericht, den ich im Downloadverzeichnis unter dem Namen Konsensbericht2014.pdf für Sie gespeichert habe.
 

Rasantes Wachstum der Sekundarschulen

zum Schuljahresbeginn 2013/14 hatten weitere 53 Gemeinden in NRW eine neue Sekundarschule beantragt. Im Schuljahr 2014/2015 kamen noch einmal 25 hinzu, sodass am 1. August 2014 bereits 108 Schulen dieser neuen Schulform innerhalb von drei Jahren existierten. Im Schuljahr 2015/16 sind es inzwischen 117 Schulen.

Das Sterben der Haupt- und Realschulen geht also noch schneller vonstatten als es sich diese Schulformen erträumt haben. Noch sind an den Realschulen in NRW mehr Schüler als an den Gesamtschulen, aber bereits jetzt ist die Übergangsquote von den Grundschulen an die Realschulen nur noch 22,9 %. Das ist etwa der gleiche Prozentsatz, den die Hauptschulen noch 1992 hatten. Es werden nämlich noch dauernd weitere neue Gesamtschulen eröffnet.  Für die Neugründungen sinkt die Zahl der Schulen in NRW weiter:

Allein im Jahr  2013 wurde deutlich, dass durch die Neugründung der 42 Sekundarschulen und 30 Gesamtschulen 74 Hauptschulen, 58 Realschulen, 2 Gymnasien und 5 Verbundschulen geschlossen werden müssen.

Der Wunsch der rot-grünen Landesregierung nach einem längeren gemeinsamen Lernen und der Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems geht in Erfüllung. Bereits innerhalb der ersten drei Jahre wurden in NRW 108  neue Sekundarschulen und 73 neue Gesamtschulen gegründet.  "Die Dynamik in der Schulentwicklung ist beeindruckend" erklärte Schulministerin Löhrmann auf der Pressekonferenz am 1.4.2014.
Ob das für die Qualität der Bildung auch zutrifft, wage ich zu bezweifeln, denn es werden immer mehr Privatschulen gegründet und die Zahl der Privatschüler nimmt in den letzten Jahren deutlich zu. Die Eltern bezweifeln nämlich zunehmend die Qualität der staatlichen Schulen. Sehen Sie dazu auch die Statistiken auf meiner Webseite Zahlen und Daten zur Schulstruktur.

Im Übrigen kommen zu den Sekundarschul- und Gesamtschulgründungen noch 5 Primus-Schulen, die als Schulversuch für die Klassen 1-10 herausfinden sollen, wie die Pädagogik der Primarstufe mit der der Sekundarstufe am besten verknüpft werden kann.

Am 6.8. 2015 gab das Schulministerium die Neugründungen mit 8 und die Gesamtzahl der Sekundarschulen mit 114 an.


(Quelle: MSW NRW 15.7.2015)

Zum Schuljahresbeginn 2016/17 hat sich die Gesamtzahl nur geringfügig auf 117 erhöht, weil zwar 5 Sekundarschulen neu gegründet wurden, aber bereits zwei wieder geschlossen wurden, da sie in eine Gesamtschule umgewandelt wurden. Dieser Trend wird sich vermutlich in den nächsten Jahren fortsetzen.
        


2.1. 2015 Anmeldeboom lässt nach - nur noch 16 Anträge auf Neuerrichtung einer Sekundarschule

Wie zu erwarten war, legt sich langsam die Begeisterung der Kommunen für die Neuerrichtung von Schulen des längeren gemeinsamen Lernens. Während es im Jahre 2014 in NRW noch 53 Neugründungen gab (33 Sekundarschulen und 20 Gesamtschulen), liegen für dieses Jahr nur noch 20 Anträge vor (16 Sekundarschulen und 4 Gesamtschulen). Eigentlich war das klar, denn in den letzten vier Jahren sind insgesamt 207 neue Schulen errichtet worden, was auf Kosten der Hauptschulen und Realschulen ging und einige Schulträger schon in Bedrängnis bringt. Vielfach überschnell wurden nämlich die Hauptschulen und Realschulen geschlossen ( mehr als 130! ) und Sekundarschulen bzw. Gesamtschulen gegründet. Die Errichtung wurde nämlich für die Schulträger deutlich erleichtert, weil für die Gründung einer Sekundarschule nur noch 75 Kinder erforderlich sind und für eine Gesamtschule 100.
Als Folge davon haben nun die Eltern mit Kindern, die von der Grundschule eine Hauptschulempfehlung bekommen, große Probleme, ihre Kinder anzumelden. Die Sekundarschulen und die Gesamtschulen haben zwar durch Erlass die Verpflichtung, diese Kinder aufzunehmen, sind aber oft aufgrund ihres Errichtungsbeschlusses und ihrer Konzeption nicht dazu in der Lage, weil sie voll sind. Aber irgendwie werden die das doch müssen.
Ganz klar zeichnet sich deshalb der Weg zu einem Schulsystem mit zwei Säulen ab: Das Gymnasium mit dem Abitur nach 8 Jahren wird die Standardwahl der Eltern für einen qualifizierten Bildungsabschluss werden. Die Alternative wird die neunjährige Gesamtschule sein, die das Abitur für diejenigen anbietet, die es etwas langsamer und leichter angehen wollen. Der Rest wird zur Sekundarschule gehen, die dann irgendwann ebenfalls auslaufen wird. Das ist vielleicht auch gut so, damit endlich das Durcheinander von 6 Schulformen in der Sekundarstufe (Gymnasium, Gesamtschule, Sekundarschule, Primusschule, Realschule und Hauptschule) verschwindet und sich ein vernünftiges System mit einheitlicher Schulstruktur entwickelt.
Aber wahrscheinlich sind das fromme Wünsche, denn alle Lehrerinnen und Lehrer wissen, dass Schule seit jeher ein Experimentierfeld von Politikern war und wahrscheinlich auch bleiben wird.

Ein weiterer Trend zeichnet sich inzwischen ab: Einige Kommunen wandeln Sekundarschulen in Gesamtschulen um, weil sie feststellen, dass die Elternwünsche nicht in Richtung Sekundarschule gehen und die Anmeldezahlen nicht ausreichen. Die Gesamtschulen wiederum sehen das mit gemischten Gefühlen, denn sie sehen ihre Schülerklientel schrumpfen, die es ihnen ermöglichen muss, noch eine vernünftige Oberstufe zu bilden.

16. Mai 2013 Ämter und Beförderungsämter für die Sekundarschule festgelegt

Aufgrund der Verabschiedung des Dienstrechtsanpassungsgesetzes NRW durch den Landtag ist auch das Landesbesoldungsgesetz geändert worden. Es enthält nun in den Anlagen 1 und 2, die die Landesbesoldungsordnung darstellen, die Bezeichnungen für die Ämter und Beförderungsämter an Sekundarschulen. Wie zu erwarten, sind sie den Gesamtschulämtern nachempfunden worden:

Besoldungsgruppe A13

Sekundarschulrektor

– als der didaktische Leiter einer noch nicht voll ausgebauten Sekundarschule mit weniger als 4 Zügen in vier Jahrgangsstufen – 8)
– als Koordinator lernbereichs- und abteilungsübergreifender Aufgaben – 8) 9)
– als Leiter einer Abteilung mit mehr als 180 bis zu 360 Schülern einer Sekundarschule –
8)

Studienrat

– mit der Befähigung für das Lehramt an Gymnasien, mit der Befähigung für das Lehramt an Gymnasien und Gesamtschulen und mit den Lehramtsbefähigungen für die Sekundarstufe I und die Sekundarstufe II (Doppelbefähigung) – bei Verwendung an einer Sekundarschule – 10)
- mit zusätzlicher Prüfung für das Lehramt an Sonderschulen oder das Lehramt für Sonderpädagogik bei entsprechender Verwendung -
2)
_____________________
2)
Erhält eine Stellenzulage nach Anlage 2.
8) Erhält eine Amtszulage nach Anlage 2.
9) Nur an einer Sekundarschule mit mindestens fünf Zügen. An einer Sekundarschule mit acht und mehr Zügen dürfen zwei Stellen für das Amt vorgesehen werden.

10) Für dieses Amt dürfen höchstens 16,5 vom Hundert der Planstellen an Sekundarschulen ausgewiesen werden.

Besoldungsgruppe A 14

Rektor

- als der didaktische Leiter einer noch nicht voll ausgebauten Sekundarschule mit mindestens vier Zügen in vier Jahrgangsstufen -
– als der didaktische Leiter einer voll ausgebauten Sekundarschule –
11)
– als der ständige Vertreter des Sekundarschuldirektors an einer voll ausgebauten Sekundarschule oder an einer Sekundarschule mit mindestens vier Zügen in drei Jahrgangsstufen – 11)

– als der ständige Vertreter des Sekundarschulrektors einer Sekundarschule, bei der die Voraussetzungen für die Einstufung des Leiters in Besoldungsgruppe A 15 nicht erfüllt sind –

Sekundarschulrektor

– als Leiter einer Sekundarschule, bei der die Voraussetzungen für die Einstufung des Leiters in Besoldungsgruppe A 15 nicht erfüllt sind – 11)
________________________
11) Erhält eine Amtszulage nach Anlage 2

Besoldungsgruppe A15

Direktor an einer Sekundarschule - als der ständige Vertreter des Sekundarschuldirektors an einer voll ausgebauten Sekundarschule oder einer Sekundarschule mit mindestens vier Zügen in drei Jahrgangsstufen und einer Schülerzahl von mehr als 750 –

„Sekundarschuldirektor

– als Leiter einer voll ausgebauten Sekundarschule oder einer Sekundarschule mit mindestens vier Zügen in drei Jahrgangsstufen – 11)
_______________________
11) Erhält bei einer Schülerzahl von mehr als 750 eine Amtszulage nach Anlage 2.

Die Zulagen sind in der Anlage 2 zum Landesbesoldungsgesetz aufgeführt. Sie finden die Anlage 1 und 2 als Zusammenfassung auf meiner Downloadseite unter dem Namen LBesO 2013.pdf
 

1.4. 2014 Organisation und Geschäftsverteilung für die Sekundarschulen  geregelt

Nachdem inzwischen über 50 Schulen dieser Schulform existieren, hat das Schulministerium einen  Geschäftsverteilungsplan für die Sekundarschulen herausgegeben. Der Erlass vom  1.4. 2014  ist im Amtsblatt vom Mai 2014 enthalten und entspricht ziemlich genau dem Geschäftsverteilungsplan für die Gesamtschulen, der schon seit 1990 existiert. Lediglich die Besoldungsgruppen der Funktionsämter sind anders geregelt, was auch vorauszusehen war, da die Sekundarschule keine Oberstufe hat.
Dennoch sind die vielen neuen Stellen eine interessante Alternative für alle Kolleginnen und Kollegen, die an auslaufenden Schulen sind und eine neue Beschäftigung suchen.
 

Wenn Sie Anhänger der Sekundarschule sind und sich für die neue Schulform begeistern, dann lesen Sie jetzt weiter auf der Webseite des Schulministeriums, die dort alle Einzelheiten mit einer entsprechenden Grafik darstellt. Wenn Sie einige kritische Gesichtspunkte zur Sekundarschule hören wollen, dann lesen hier unten weiter. Für Gemeinden, die eine Sekundarschule einrichten wollen, gibt es beim Ministerium einen Leitfaden.

(Grafik: MSW)
Die oben genannten Einstiegsbedingungen für die Sekundarschule sind zunächst einmal sehr zu begrüßen. Vor allem auch, weil die Klassengrößen der anderen Schulformen ebenfalls abgesenkt werden sollen. Vor allem die Gesamtschule wird davon profitieren, denn sie musste bei der Anmeldung bisher 112 Kinder vorweisen, nunmehr brauchen es nur noch 100 zu sein. So wird sich in Zukunft das Schulsystem auf ein zweigliedriges System hin entwickeln, wie es auch die CDU inzwischen bundesweit vertritt.
Vorerst wird es jedoch noch mehr Verwirrung geben, denn für die nächsten Jahre existieren 6 Schulformen in NRW. Die Gemeinschaftsschule ist nämlich auch mit 12 Gründungen an den Start gegangen und soll sich im Laufe der nächsten 6 Jahre in das neue System integrieren.

Ich bin allerdings noch ziemlich skeptisch, denn klare Lehrpläne und eindeutige Vorschriften für die Kommunen gibt es noch nicht. Laut Erlass vom 22.3 2013 gelten für die Jahrgangsstufen 5 und 6 sämtlicher Sekundarschulen die Kernlehrpläne der Gesamtschule. Für die integrierten und teilintegrierten Formen gelten auch die Kernlehrpläne der Gesamtschule für die Klassen 7-10, für die kooperativen Formen die Lehrpläne Hauptschule, Realschule und des Gymnasiums. Spätestens zum 1.8. 2018 sollen dann eigenständige Richtlinien und Lehrpläne für die Sekundarschule in Kraft gesetzt werden.

Die Hauptschulen werden auslaufen und die Realschulen werden ebenfalls mit in den Sog gerissen - auch wenn eine Bestandsgarantie gegeben ist. Probleme wird es für die Kommunen und die Eltern geben. Für die Kommunen, wenn die Eltern ihre Kinder jetzt nicht mehr zur Hauptschule schicken, sondern zur nächstgelegenen Sekundarschule oder Gesamtschule. Dort wird es wie gewohnt Abweisungen geben, die zu Protesten führen werden. Daraufhin werden die Kommunen selbst eine (oder eine weitere) Sekundarschule gründen, was wiederum die nächste Realschule treffen wird und so fort. Ich zweifle, ob es einen Schulfrieden geben wird - eher ein Schulchaos. Das beginnt jetzt schon - Herbst 2011 -. Bei den Vorstellungen der Schulformen auf einer Informationsveranstaltung für Grundschulen habe ich in einer Gemeinde erlebt, wie die Vertreter der ortsansässigen vier weiterführenden Schulen für ihre Schulform warben und die Qualität in den höchsten Tönen lobten. Als die Eltern nach der Sekundarschule fragten, erhielten sie vom Schulträger die Antwort, das stände nicht zur Diskussion, denn das Schulsystem der Gemeinde sei mit den vorhandenen Schulformen gesund und für eine Neugründung gebe es gar keine Veranlassung. Sekundarschulen würden nur dort errichtet, wo fehlende Schülerzahlen die Schließung der Hauptschulen notwendig machten.
In anderen Gemeinden wird das sicher ganz anders laufen. In der Folgezeit entstehen dann für die Eltern die Probleme beim Umzug, weil jede Gemeinde zusammen mit der Schulkonferenz eine bestimmte Form der Sekundarschule bildet: integriert, teildifferenziert oder kooperativ getrennt. Wenn die Eltern also in der neuen Kommune eine völlig andere Schulform als bisher vorfinden, werden sie nicht besonders erfreut sein. Da die Sekundarschule in der Regel ohne Oberstufe gebildet wird, also lediglich eine verbindliche Kooperation mit der Oberstufe eines Gymnasiums, einer Gesamtschule oder eines Berufskollegs vorgesehen ist, werden sich die Eltern vielleicht überlegen, ob sie ihr Kind nicht besser gleich am Gymnasium oder an der Gesamtschule anmelden sollen. Die beiden Schulformen haben nämlich erprobte Lehrpläne und ein verlässliches System.
Außerdem sind die gymnasialen Standards, die die Sekundarstufe aufweisen soll, Augenwischerei. Den gymnasialen Charakter in den Klassen 5/6 haben bisher die Gymnasien und werden ihn auch behalten. Es ist völlig illusorisch, dass an einer Sekundarstufe in den Klassen 5 und 6 nach gymnasialen Standards unterrichtet werden kann. Eltern, die eine solche Ausbildung für ihr Kind wünschen, werden es am Gymnasium anmelden und nicht an einer Sekundarschule, deren weitere Konzeption ungewiss ist, denn schließlich müssen die Eltern ab Klasse 7 überlegen, ob sie weiterhin integrierten Unterricht für alle haben wollen, ob differenziert oder teilintegriert unterrichtet werden soll. Eltern mit klaren Bildungsvorstellungen für ihr Kind sehen das Abitur als Ziel vor Augen. Und das kann eindeutig am klarsten auf einem Gymnasium angesteuert werden. Alle anderen Schulformen haben irgendwelche Seitenwege, Umwege oder Verlängerungswege im Programm. Warum sollten also solche Eltern eine Sekundarschule wählen? Wegen der Vielfalt? Wegen des längeren gemeinsamen Lernens? Wegen der besseren sozialen Integration? - Nein. Höchstens dann, wenn sie einsehen, dass die Anforderungen des Gymnasiums für ihr Kind im Augenblick zu hoch sind und sie eine individuelle Förderung wünschen.
Aber auch dann ist die Gesamtschule die bessere Lösung, denn sie führt zum Abitur und hat eine eigene Oberstufe, die auf die Lernbedingungen der Gesamtschule zugeschnitten ist. Eine Sekundarstufe hat keine Oberstufe, sondern verlässt sich auf die Kooperation mit einer fremden Schule, die eine Oberstufe hat. Ein Kind muss also nach der Klasse 9 oder 10 auf die andere Schule wechseln. Das bedeutet immer einen Knick in der Entwicklung, der sich vermeiden lässt. Wenn Sie mit dem Auto einen Zielort erreichen wollen, der eine direkte Autobahnverbindung hat, fahren Sie ja auch nicht ohne Grund erst dreiviertel der Strecke auf Landstraßen, um dann doch auf die Autobahn zu wechseln.

Natürlich kann das längere gemeinsame Lernen nützlich sein. Das wäre aber nur dann der Fall, wenn eine Grundschule mit einer Sekundarschule einen Schulverbund gründete. Dazu bietet das neue Schulrechtsänderungsgesetz einen neuen Schulversuch an.

Eigentlich braucht man die Sekundarschule überhaupt nicht, weil die Gesamtschule alle Forderungen erfüllt, die man für ein integratives oder differenziertes Lernen stellt. Sie hat es in vergangenen 30 Jahren mit viel Engagement erreicht, dass bildungsferne Schichten das Abitur schafften und viele Differenzierungsmöglichkeiten mit weniger oder mehr Erfolg ausprobiert - auch die Profilbildung. Aber für sie hat sich nach vielen Jahren des Experimentierens ein stabiles System mit Ganztagsunterricht herauskristallisiert, das praktikabel ist, während das System der Sekundarschule für die nächsten 20 Jahre ein Experimentierfeld sein wird, auf dem sich noch viele Änderungen ergeben werden, weil sich manche Wege, die man sich als gangbar vorstellt, als Sackgassen erweisen werden. Diesen Status hat die Gesamtschule längst überwunden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass mit der neuen Schulform bessere Leistungen erreicht werden können, zumal die Inklusion als neue Schwierigkeit hinzukommt.. Für die Schüler ergeben sich überhaupt keine Vorteile, denn alle Bildungschancen konnten sie in den bisherigen Schulformen auch wahrnehmen. Aber für die Eltern wird es so sein, dass sie ihre Kinder nicht mehr in der Hauptschule anmelden müssen und die ungeliebte Schulform austrocknet.
Für die Schulträger ist es natürlich einfacher, eine neue Sekundarschule zu gründen, denn sie benötigen nur 75 Anmeldungen für eine dreizügige Sekundarschule, während es für eine Gesamtschule mindestens 100 sein müssen. Die Kommunen brauchen nur die Eltern der Zweit- und Drittklässler zu befragen, welche Schulform sie haben wollen und schon geht eine neue Sekundarschule an den Start. Da ist es bei einer Gemeinde, die schon eine Gesamtschule hat, wesentlich schwieriger, eine neue zu gründen. Es müssen nämlich wesentlich mehr als 100 Anmeldungen sein, denn man könnte die bestehende Gesamtschule ja zunächst einmal um einen oder zwei Züge erweitern.

Die Eltern, die ihr Kind an einer Sekundarschule anmelden, können aber ihren Nachbarn immer noch nicht erklären, dass Ihre Kinder ja nunmehr eine Schule besuchen, deren Endziel das Abitur ist. Das könnten Sie aber mit einer Anmeldung an einer Gesamtschule. Das Abitur wird der Standardabschluss werden, weil der Hauptschulabschluss entfällt und der Sekundarabschluss nicht mehr viel wert ist. Das wird unter anderem auch durch die neue Ausbildungsordnung der Sekundarstufe I  (APO SI) deutlich:

"§ 13 Wechsel der Schulform oder des Bildungsgangs ab Klasse 7
(1) Schülerinnen und Schüler, Eltern und Schule sind gemeinsam dafür verantwortlich, dass niemand nach erfolgreichem Durchlaufen der Erprobungsstufe von der Realschule zur Hauptschule oder vom Gymnasium in die Realschule oder die Hauptschule wechseln muss."

Ich weiß nicht, ob inzwischen alle begriffen haben, was das bedeutet: Damit wird von amtlicher Seite des Ministeriums allen klar gemacht, dass es bitterböse ist, zur Realschule oder zur Hauptschule zu wechseln. Damit wird allen deutlich vor Augen geführt, dass das Gymnasium mit dem Abitur als Abschluss die einzige Schulform ist, die einen vernünftigen Job und einen respektierten Platz in der heutigen Gesellschaft verspricht.
Ohne Abi wird man bald keinen Job mehr bekommen. Das merkt man unter anderem auch daran, wie intensiv inzwischen das Handwerk um Abiturienten wirbt. Deshalb werden auch die Realschulen verschwinden; Eltern werden sie nicht mehr wählen, weil sie nicht zum Abitur führen. Da die Sekundarschule dann die einzige Schulform der Sekundarstufe I ist, ist zu befürchten, dass sie die neue Restschule werden wird.

Die Qualität einer Sekundarschule wird sicherlich auch daran gemessen werden, welches Konzept sie hat und an welche Schulform mit Oberstufe sie angebunden ist.

6. Schulrechtsänderungsgesetz

Durch das Schulrechtsänderungsgesetz, das am 25. Oktober 2011 beschlossen wurde, wird nicht nur das Schulgesetz geändert, sondern es wurden auch für die Kommunen viele Einrichtungsmöglichkeiten zur Bildung von Grundschulverbünden geschaffen. Sie finden den Text des Gesetzes und die Übergangsvorschriften im Downloadbereich unter SchGAend2011.doc.

Jeder 5. Auszubildende hat das Abi

Während im Jahre 2000 erst etwas mehr als 15% der Auszubildenden das Abitur hatten, sind es im Jahre 2010 bereits 20%.
Für viele Abiturienten ist nämlich die Berufsausbildung eine attraktive Alternative zum Studium. Dieser Trend wird sich noch fortsetzen, wenn in den nächsten Jahren durch die demographische Entwicklung weniger Abgänger die Haupt- und Realschulen verlassen. Und wenn dazu weiterhin etwa 20% davon Risikoschüler sind, weil sie die notwendigen Qualifikationen nicht aufweisen, wird die Wirtschaft noch mehr Abiturienten in die Berufsausbildung ziehen.

Natürlich gibt es auch kritische Stimmen zur Sekundarschule. Nachdem bekannt wurde, dass mit etwa 50 Neugründungen von Sekundarschulen und weiteren 19 Gesamtschulen zu rechnen war, wurden die Lehrerinnen und Lehrer unruhig, die an Schulen unterrichten, die durch die Zusammenlegung oder Neugründung mit Versetzungen rechnen müssen. Gerade den älteren Lehrkräften wird es schwerfallen, an eine Schulform zu wechseln, für die man nicht ausgebildet ist und die man unter Umständen auch nicht wünscht. Wohin aber dann, wenn die eigene Schule aufgelöst wird und keine Stelle an der betreffenden Schulform frei ist? Oder was tun, wenn man sich an eine Sekundarschule bewirbt, aber nicht genommen wird, weil man zu alt ist?
Dazu gibt es einen Erlass des Ministeriums, den Sie im Amtsblatt NRW vom April 2012 auf Seite 212 finden.

Hier der Stand vom März 2012 nach dem Anmeldeverfahren:

Start von Sekundarschulen im Schuljahr 2012/13

Arnsberg Detmold Düsseldorf Köln Münster
Altena/Nachroth/
Wiblingwerde
Extertal/ Monheim Overath Sassenberg
Attendorn Vlotho Kleve Nümbrecht Gelsenkirchen
Bochum (2) Oerlinghausen Dinslaken Engelskirchen Münster
Breckerfeld
(Ersatzschule)
Lübbecke Kamp-Lintfort Eitorf Herten
Dortmund Borchen Alpen Bornheim Drensteinfurt
Erwitte/Anröchte   Jüchen Jülich Ahlen
Hamm   Straelen Nideggen/Kreuzau Nottuln(Ersatzschule)
Netphen   Essen (Ersatzschule) Lohmar  
Olsberg        
Werl        
Werne        
Wetter        
Wickede        

Von den ursprünglich beantragten 50 Sekundarschulen konnten nach dem Anmeldeverfahren 42 Schulen starten, die restlichen kamen wegen zu geringer Anmeldezahlen nicht zustande bzw. sollen voraussichtlich erst ein Jahr später gegründet werden. Inzwischen sind auch die pädagogischen Konzepte vorgelegt worden: 12 Sekundarschulen wollen auch nach der Klasse 6 gemeinsam weiter unterrichten, 29 haben sich für ein teilintegriertes Konzept entschieden und eine für getrennte Bildungsgänge nach der Klasse 6.

Hier der Stand nach dem Anmeldeverfahren vom März 2013:
 

Start von neuen Sekundarschulen für das Schuljahr 2013/14

Arnsberg Detmold Düsseldorf Köln Münster
Arnsberg (2) Bad Wünnenberg Düsseldorf Mechernich / Kall Beckum
Ennepetal Bielefeld (privat)* Grefrath Monschau / Simmerath / Hürtgenwald Castrop-Rauxel
Geseke Espelkamp Hilden Stolberg Legden / Rosendahl
Meinerzhagen Horn-Bad Meinberg Neuss Swisttal Reken
Olpe / Drolshagen Lage Remscheid Waldfeucht Rheine (2)
  Lügde Solingen Wiehl Telgte
  Petershagen Tönisvorst   Velen
  Preußisch Oldendorf Wülfrath   Vreden
  Varenholz (privat)*     Sendenhorst (privat)*
  Versmold     Wadersloh
  Warburg / Borgentreich      

Von den ursprünglich 53 Anträgen auf Errichtung einer Sekundarschule sind zunächst 50 genehmigt worden. Nach Ablauf der Anmeldungen waren 39 übrig geblieben, die zum Schuljahresbeginn 2013/14 ihren Dienst aufnehmen. Die drei mit * gekennzeichneten privaten Sekundarschulen können noch dazu kommen, weil das Anmeldeverfahren noch nicht abgeschlossen ist.

25 neue Sekundarschulen gehen zum Schuljahresbeginn 2014/15 an den Start.
 

Start von neuen Sekundarschulen für das Schuljahr 2014/15

Arnsberg Detmold Düsseldorf Köln Münster
Brilon Rahden Dormagen Wermelskirchen Gronau
Ense Blomberg Duisburg (2)   Heek
Hagen (2) Büren Geldern   Horstmar-Schöppingen
Marsberg Höxter Neuss    
Möhnesee Beverungen      
Lennestadt/Kirchhundem Stemwede      
Selm        
Warstein        
Bestwig (Olsberg)        
Rüthen        

8 neue Sekundarschulen starten zum Schuljahresbeginn 2015/16.
 

Start von neuen Sekundarschulen für das Schuljahr 2015/16

Arnsberg Detmold Düsseldorf Köln Münster
Halver   Duisburg-Rheinhausen Leverkusen Bottrop-Kirchhellen
Soest     Leichlingen Lüdinghausen
        Neuenkirchen-Wettringen

5 neue Sekundarschulen beginnen Ihren Unterricht im Schuljahr 2016/17
 

Start von neuen Sekundarschulen für das Schuljahr 2016/17

Arnsberg Detmold Düsseldorf Köln Münster
Siegen-Wittgenstein Willebadessen   Radevormwald Ostbevern
Burbach / Neunkirchen        

Schulministerin Löhrmann ist begeistert; schließlich sind nach dem Schulkonsens innerhalb von vier Jahren 238 neue Schulen gegründet worden. Darin enthalten sind 5 Primus-Schulen, also Schulen, die im Rahmen eines Schulversuchs die Klassen 1-10 unterrichten, um herauszufinden, wie die Arbeit der Primarschulen mit der der Sekundarschulen verzahnt werden kann.

Eigentlich ist dieser Bildungswirrwahr eine Katastrophe: Wenn Eltern von einem Ort in einen anderen umziehen, finden sie keine Schulform vor, auf die man sich wie bisher verlassen konnte. In jeder Stadt gibt es unterschiedliche pädagogische Konzepte. Während im 5. und 6. Schuljahr noch alles integriert und ruhig verläuft, beginnt im 7. Schuljahr die Aufteilung. So wollten von den neu gegründeten 39 Sekundarschulen für das Schuljahr 2013/14 nur 6 Schulen weiter integriert unterrichten, 31 wollten teilintegriert unterrichten und 2 Schulen wollten ein kooperatives Modell fahren. Daneben findet man noch Teilstandorte. Von den ersten 42 neuen Sekundarschulen im Schuljahr 2012/13 haben 9 zwei unterschiedliche Standorte. Das ist weder für die Schüler noch für die Lehrer sinnvoll.
2014 sieht es nicht besser aus: Lediglich eine der neuen Sekundarschulen will integriert unterrichten, die anderen 24 wollen teilintegriert unterrichten.
20 der neuen 25 Sekundarschulen wollen Inklusivklassen einrichten.

In der Öffentlichkeit wird die Sekundarschule als Schulform dargestellt, die aus einem Zusammenschluss von Hauptschule und Realschule hervorgeht. Das Abitur als anzustrebender Abschluss wird natürlich nicht erwähnt, weil ja eine Kooperation mit einer Sekundarstufe II vorgesehen ist. Da die Schülerinnen und Schüler also nach Abschluss der Sekundarschule dennoch in eine andere Schulform wandern sollen, werden die Eltern sie gleich im Gymnasium anmelden. Deshalb befürchte ich, dass in absehbarer Zukunft diese neue Sekundarschule die neue Restschule werden wird und denselben Weg wie die Hauptschule gehen wird. Mein Eindruck wird noch dadurch verstärkt, dass die neu gegründeten Sekundarschulen gedrängt werden, die Inklusion als ihr ureigenes Profil in das Schulprogramm zu integrieren. Dadurch verschonen die Schulträger gleichzeitig ihre geliebten anderen Schulformen. Es wird auch deutlich, dass die Eltern die Sekundarschule nicht so annehmen wie von der Schulministerin oder den Kommunen gewünscht. Nicht umsonst denken  manche Gemeinden bereits über eine Schließung oder Umwandlung in eine Gesamtschule nach.

Die Realschulen merken jetzt auch, dass es ihnen an den Kragen geht. Allein durch die Neugründung der 39 Sekundarschulen für das Schuljahr 2013/14 werden 31 Realschulen geschlossen. Weiterhin werden für die gleichzeitige Neugründung der 28 Gesamtschulen ebenfalls 26 Realschulen geschlossen. Besonders die integrierte Variante mit dem gemeinsamen Unterricht nach Klasse 5 und 6 macht den Realschulen Sorgen, denn damit würde die bestehende Realschule natürlich völlig überflüssig werden.  Ihren Unmut können Sie auf einer entsprechenden Webseite http://www.sekundarschule-in-nrw.de/ äußern. Die Meinungen werden anonym der Schulministerin übergeben.

In der Tat ist es so, dass die Realschulen auf kaltem Wege abgeschossen werden, denn bereits in den unverbindlichen Elternabfragen in den Klassen 3 und 4 der Grundschulen wird offensiv für die Sekundarschule geworben, obwohl durchaus noch bestehende und gut funktionierende Realschulen in den Gemeinden vorhanden sind. Da die Hauptschulen nicht mehr gewünscht werden und die Schulträger neue Schulen gründen, geraten sie automatisch in diesen Sog und werden mitgerissen. Ein typischer Fall ist Rheda-Wiedenbrück: Bisher gibt es dort zwei Gymnasien, zwei Realschulen und zwei Hauptschulen. Eigentlich eine gesunde Mischung. Da aber jetzt die Eltern ihre Kinder nicht mehr zur Hauptschule schicken, läuft diese aus. Und was macht der Schulträger? Er will zwei Sekundarschulen gründen und damit die die erfolgreichen Realschulen natürlich auslaufen lassen. So ist das nun einmal. Die einen bezeichnen das als eine Gesundung der Schullandschaft, die anderen als eine Zerstörung der bestehenden Schullandschaft.
Problematisch ist natürlich auch, dass Schulträger und Schulaufsicht einfach festlegen, dass die integrative Form gewählt wird. Das können sie natürlich, weil ja noch keine Schulkonferenz vorhanden ist, die das beschließen oder anders entscheiden könnte. Demokratisch ist das aber nicht.


Geht es den Gymnasien auch an den Kragen?

Umgekehrt geht es nämlich auch zur Sache: Durch die Neugründung der 28 Gesamtschulen zum Schuljahresbeginn 2013/14 werden nicht nur 35 Hauptschulen und 26 Realschulen, sondern auch 2 Gymnasien geschlossen. Die Schulträger kommen wegen abnehmender Schülerzahlen in Zugzwang. Die Stadt Dormagen hatte z.B. ein Bochumer Büro damit beauftragt, die Errichtung einer neuen Sekundarschule oder einer Gesamtschule zu prüfen. Die Gutachter der Firma Komplan schlugen vor, eine Sekundarschule und eine Gesamtschule zu errichten. Dafür sollte ein Gymnasium schließen, was dieses sofort in helle Aufregung brachte. Dabei ist das alles ziemlich einleuchtend, denn die Vorschläge der Gutachter basieren auf der demografischen Entwicklung der Stadt Dormagen, die in den nächsten Jahren immer weniger Grundschüler hat. Die bisherigen 21 Eingangsklassen der weiterführenden Schulen werden auf 17 bis 18 sinken. Aber das Gymnasium hat halt eine gute Lobby und ist schließlich eine Schule, die ein höherwertiges Abitur verspricht...
Das wird auch durch das Turbo-Abitur nach 8 Jahren unterstützt. Sicherlich wird G8 auch bleiben, denn mit G9 wäre der Unterschied zur Gesamtschule nur noch minimal. Und ein Unterschied muss schließlich bleiben.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Gründung von neuen Gesamtschulen, hier die Zahlen aus den letzten Jahren:
25 haben zum Schuljahresbeginn 2014/2015 ihren Betrieb aufgenommen:
 

Start von neuen Gesamtschulen für das Schuljahr 2014/15

Arnsberg Detmold Düsseldorf Köln Münster
Bochum (privat) Delbrück Emmerich Aldenhoven/Linnich Gelsenkirchen
Hagen (privat) Halle Hilden (privat) Elsdorf Gronau
  Schloss Holte-Stukenbrock Kempen Euskirchen Lotte/Westernkappel
    Neuss Heinsberg  
    Kevelaer/Weeze Hürth  
    Solingen Köln (2)  
    Wülfrath (privat) Pulheim  
      Rheinbach  
      Burscheid (privat)  

Zum Schuljahresbeginn 2015/16 kamen noch 8 dazu:
 

Start von neuen Gesamtschulen für das Schuljahr 2015/16

Arnsberg Detmold Düsseldorf Köln Münster
Iserlohn   Neukirchen-Vluyn Niederkassel  
    Voerde Würselen  
    Düsseldorf Euskirchen  
      Lohmar  

Mit Beginn des Schuljahres 2016/17 nahmen weitere 13 ihren Dienst auf:
 

Start von neuen Gesamtschulen für das Schuljahr 2016/17

Arnsberg Detmold Düsseldorf Köln Münster
Soest Büren Düsseldorf Bad Honnef Münster
Siegen-Wittgenstein Lippe Krefeld   Havixbeck
Unna   Jüchen   Borken / Raesfeld
    Kleve    

Aus der Aufstellung wird deutlich, dass in einigen Regierungsbezirken höhere Sympathien für die Errichtung von Gesamtschulen als von Sekundarschulen bestehen. In meinen Augen sind diese Kommunen vernünftiger, weil dadurch eine Schulform des gemeinsamen Lernens gewählt wird, die zum Abitur führt und dadurch einen Abschluss anstrebt, den Eltern immer mehr wünschen und der in der heutigen Zeit immer wichtiger für eine erfolgreiche Lebensplanung geworden ist. Die Stadt Köln hat sogar zwei bestehende Gemeinschaftsschulen in Gesamtschulen umgewandelt.  Die neu gegründeten Gesamtschulen Büren und Jüchen waren ebenfalls vorher Sekundarschulen. Es existieren nunmehr 327 Gesamtschulen in NRW.

Wie zu erwarten war, legt sich langsam die Begeisterung der Kommunen für die Neuerrichtung von Sekundarschulen. Eigentlich war das klar, denn in den letzten vier Jahren sind insgesamt 238 neue Schulen errichtet worden, was auf Kosten der Hauptschulen und Realschulen ging und einige Schulträger schon in Bedrängnis bringt. Vielfach überschnell wurden nämlich die Hauptschulen und Realschulen geschlossen ( mehr als 150! ) und Sekundarschulen bzw. Gesamtschulen gegründet. Die Errichtung wurde nämlich für die Schulträger deutlich erleichtert, weil für die Gründung einer Sekundarschule nur noch 75 Kinder erforderlich sind und für eine Gesamtschule 100.
Als Folge davon haben nun die Eltern mit Kindern, die von der Grundschule eine Hauptschulempfehlung bekommen, große Probleme, ihre Kinder anzumelden. Die Sekundarschulen und die Gesamtschulen haben zwar durch Erlass die Verpflichtung, diese Kinder aufzunehmen, sind aber oft aufgrund ihres Errichtungsbeschlusses und ihrer Konzeption nicht dazu in der Lage, weil sie voll sind. Aber irgendwie werden die das doch müssen.
Ganz klar zeichnet sich deshalb der Weg zu einem Schulsystem mit zwei Säulen ab: Das Gymnasium mit dem Abitur nach 8 Jahren wird die Standardwahl der Eltern für einen qualifizierten Bildungsabschluss werden. Die Alternative wird die neunjährige Gesamtschule sein, die das Abitur für diejenigen anbietet, die es etwas langsamer und leichter angehen wollen. Der Rest wird zur Sekundarschule gehen, die dann allmählich auslaufen wird. Das ist vielleicht auch gut so, damit endlich das Durcheinander von 6 Schulformen in der Sekundarstufe (Gymnasium, Gesamtschule, Sekundarschule, Primusschule, Realschule und Hauptschule) verschwindet und sich ein vernünftiges System mit einheitlicher Schulstruktur entwickelt.
Aber wahrscheinlich sind das fromme Wünsche, denn alle Lehrerinnen und Lehrer wissen, dass Schule seit jeher ein Experimentierfeld von Politikern war und wahrscheinlich auch bleiben wird.


Das Schulsterben in NRW

Betrachtet man die Statistikdaten näher, die das Ministerium zum 1. August 2016 veröffentlicht hat, so wird deutlich, wie rasant sich die Entwicklung der Schulformen in den letzten Jahren vollzogen hat. Nimmt man die Schulen dazu, die im Schuljahr 2016/17 auslaufen, so sind es mehr als 1000 Schulen, die in den letzten 5 Jahren geschlossen wurden.

Zahl der Schulen und Schulformen in NRW (öffentlich und privat)

Jahr Grund-schule Haupt-schule Real-schule Primus-Schule Gemein-schafts-schule Sekun-darschule Gesamt-schule Gym-nasium Waldorf-schule Förder-schule Weiter-bildungs-kolleg Berufs-kollege Summe aller Schulen
2000 3466 742 535 - - - 215 627 48 723 55 326 6773
2010 3174 640 563 - - - 225 626 52 688 55 370 6429
2011 3087 608 564 - 12 - 232 627 52 682 55 373 6326
2012 3029 575 564 - 12 42 252 627 53 680 55 379 6302
2013 2945 535 566 1 12 84 281 627 53 656 55 379 6228
2014 2882 493 563 5 10 109 306 625 53 613 55 381 6130
2015 2846 456 559 5 10 114 314 625 55 536 55 378 5988
2016 2813 405 538 5 8 117 327 625 56 491 53 378 5851
 
darunter
auslaufend  
15 222 154       2 2   35     431

Die Schulministerin spricht natürlich nicht vom Schulsterben, sondern von einem tiefgreifenden Wandel der Schullandschaft, der segensreich für die Schülerinnen und Schüler ist, weil die Klassen heterogener werden. Fragen Sie mal die betroffenen Kolleginnen und Kollegen, ob die das auch so empfinden!
Die auslaufenden Realschulen sprechen von der "Einheitsschule", die beabsichtigt ist, während die Ministerin das als "beeindruckende Entwicklung des längeren gemeinsamen Lernens" sieht. Eine komplette Liste von 1970 bis 2016 finden Sie auf meiner Webseite Zahlen und Daten zur Schulstruktur.

Weitere Hinweise:

Thema/Titel Internet-Adresse
Informationsseite des Schulministeriums zur Sekundarschule mit dem aktualisierten Leitfaden www.schulministerium.nrw.de
Webseite des Schulministeriums zur Sekundarschule http://www.schulministerium.nrw.de/
Statistiken zur Sekundarschule finden Sie auf der Webseite des Landesbetriebs für Information und Technik https://www.it.nrw.de/statistik

 Letzte Aktualisierung dieser Seite am 21.08.16

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