Schulstruktur und Schulsystem
Das gesamte Schulsystem ist in den letzten
Jahren ins Gerede gekommen, weil sich gezeigt hat, dass die
erbrachten Leistungen nicht den Investitionen und Erwartungen
entsprechen. Die Gründe sind vielfältiger Natur, liegen aber
hauptsächlich darin, dass in den einzelnen Schulformen die
ursprünglich erwartete Schülerpopulation nicht erreicht wird. Weder
die Gymnasien erhalten die Schüler, die sie sich wünschen, noch die
Realschulen, Gesamtschulen oder Hauptschulen.
So passten alle Bildungs- und Erziehungskonzepte dieser Schulformen
plötzlich nicht mehr. Sie können sich das ganz einfach an einem
Beispiel verdeutlichen:
Eine Tischlerei, die bisher vornehmlich Eiche, Buche und Kiefer aus
heimischen Wäldern verarbeitete, bekommt statt dessen Mahagoni, Red
Cedar und Teak geliefert. Die Handwerksmeister sind ratlos, weil
ihre Bearbeitungsverfahren und Werkzeuge plötzlich schlechte
Ergebnisse erbringen. Alles, was sie gelernt haben, passt auf einmal
nicht mehr, weil sich das neue Material ganz anders verhält.
Ähnlich ist das auch mit der Schule. Die Lehrerinnen und Lehrer, die
aufgrund ihrer Ausbildung für verschiedene Schulformen vorbereitet
waren, bekamen plötzlich ganz andere Kinder in ihre Klasse. Sie
waren darauf nicht vorbereitet. Sie mühten sich redlich, rackerten
sich ab, erstellten laufend neue Unterrichtsmaterialien für neue
Situationen, verzweifelten aber sehr oft, weil ihre Bemühungen zu
keinem Erfolg führten. Das Ministerium hatte nämlich dieses Problem
gar nicht so schnell erkannt und ihnen Lehrpläne vorgesetzt, die von
ganz anderen Voraussetzungen ausgingen. In treuem Glauben an die
Kompetenz dieser Lehrplanmacher versuchten die Pädagogen, die
vorformulierten Ziele zu erreichen und waren völlig frustriert, weil
sie es nicht schafften.
Alle Alarmsignale der Lehrerinnen und Lehrer an das Ministerium
blieben aber ungehört, vielmehr schob man ihnen die Schuld an dieser
Misere zu. Man warf ihnen vor, nicht genügend zu evaluieren, keine
Qualitätsstandards einzuhalten, sich nicht genügend zu engagieren,
nicht entsprechend zu differenzieren oder einfach nicht flexibel
genug zu sein.
Man begann sie zu kontrollieren, weil man glaubte, dass sie ihre
Aufgabe nicht gewissenhaft genug erfüllten. Besser wäre es gewesen,
das Ministerium hätte sich an die eigene Nase gefasst und überlegt,
ob man die Lehrerinnen und Lehrer nicht hätte anders ausbilden
müssen, vielleicht hätte man man auch die Gruppengröße verringern
können oder durch administrative Maßnahmen den ungehemmten Zustrom
artfremder Schülerinnen und Schüler regulieren können.
Nichts von dem geschah; vielmehr wunderte man sich, dass die
Leistungen des deutschen Schulsystems immer weiter sanken.1. Die heutige Situation in der Schule
Auch ohne PISA und andere Untersuchungen könnten die Leistungen
verbessert werden, wenn nicht folgende Faktoren eine erfolgreiche
Lernarbeit erschwerten:
- Reduzierung der Pflichtstunden für die Schüler in der
Sek.l (weniger Stunden und Verschleierung der echten Pflichtstunden durch Bandbreitenvorgabe) und
in der Sek.ll (Reduzierung der Leistungskursstunden)
- Erhöhung der Stundenzahl in der Sek. I und mehr
Stress durch das Abitur nach 8 Jahren
- Unterrichtsausfall, der nicht immer durch Management
bedingt ist
- unzureichende Effektivität von Arbeitsstunden in der
Ganztagsschule
- zuviel Differenzierung und dadurch Desorientierung
der Schüler
- keine ehrliche Leistungsbeurteilung in der
Grundschule und in der Gesamtschule
- keine Hindernisse in der Gesamtschule durch fehlende
Versetzung bis Klasse 9
- zunehmende Defizite der Schüler durch unzureichende
Grundschulkenntnisse
- keine Qualitätsnormen bei der Aufnahme in Klasse 5
- schwammige und teilweise unehrliche Empfehlungen der
Grundschulen
- erschwerende Vorgaben der Politik zur Inklusion
- immer noch zu große Klassen
- immer mehr verhaltensgestörte Kinder
- immer mehr sonderschulbedürftige Kinder in den
Normalklassen
- immer mehr ausländische Schüler mit unzureichenden
Sprachkenntnissen
- räumliche und materielle Reduzierung durch
Schulträgereinsparungen
- Reduzierung der Reinigungsleistung der Kommunen durch
Intervallreinigung
- Verschlechterung des Pflegezustandes der Gebäude
durch Senkung der Bauunterhaltung durch die Schulträger
- personelle Reduzierung durch Stellenabbau
- Überforderung der Lehrer durch größere Klassen,
Vorgriffsstunden und Mehrarbeit
- keine oder unzureichende Stellenreserve
- bedarfsdeckender Unterricht durch Lehramtsanwärter
- unprofessioneller Unterricht durch Ersatzkräfte mit
befristeten Verträgen und Seiteneinsteiger
- Zuweisung von Lehrern an bestimmte Schulformen ohne
Ausbildung in dieser Schulform
- bruchstückhafte Lehrpläne
- fehlende Abstimmung der Lehrpläne zwischen der
Sekundarstufe I und II
- Diskriminierung mancher Schulformen in der
Öffentlichkeit
- seltsame Vorstellungen von Qualitätsansprüchen des
Ministeriums:
- Überprüfung der Korrekturarbeiten
- Aufgabenbeispiele und Parallelarbeiten
- neue APO SI
- neue APO-GOSt
- fehlende Leistungsprämien
- Aussparung der Lehrer von der Altersteilzeit ab 55
- mehr Kontrolle statt deutlicher qualitativer Vorgaben
- keine Rückendeckung der Lehrer in der Öffentlichkeit
- Differenzierungsmodelle und Profilierungsversuche
einzelner Schulen werden nicht zugelassen
- Nachlassen der Leistungsbereitschaft durch negative
Entwicklung der gesellschaftlichen Situation
- Nachlassen der Elternmitarbeit und fehlende
häusliche Erziehung
- Anstieg von Widersprüchen und juristischen Eingaben
auf schulische Entscheidungen
- Belastung der Lernsituation in den Schulen durch
gesellschaftliche Probleme (Gewalt, Drogen, Sexualität, Medien)
2. Die Mängel des Schulsystems
In der Vergangenheit sind schon sehr viele Modelle zur Schulstruktur
diskutiert worden. Wenn Deutschland den Anschluss an die europäische
Spitze wiedergewinnen will, sind tiefgreifende Veränderungen im
Bildungssystem erforderlich. In unserem derzeitigen System zeigen sich
schwerwiegende Mängel, die nicht zu tolerieren sind:
- Ein Drittel aller Abiturienten macht die
Sekundarstufe II doppelt. Nach dem Abitur gehen viele Schüler in einen
Ausbildungsberuf und besuchen nochmals die Sekundarstufe II des
Berufskollegs. Das ist auch für diese Schulform ein neues Problem und
bildungspolitisch eine Fehlleistung.
- Viele Schüler haben nicht die notwendige
Berufsfähigkeit. Das zeigt sich nicht nur bei den Abiturienten, sondern
auch bei den Sekundarabschlüssen I, die oft nicht die erforderlichen
Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten aufweisen, um erfolgreich ein
Ausbildungsverhältnis zu beginnen oder durchzustehen.
- Die Höheren Handelsschulen sind der bevorzugte
Parkplatz der Jugend. Wer nach der Fachoberschulreife keinen
Ausbildungsplatz findet, meldet sich hier an. Die erreichten Abschlüsse
und Zukunftschancen sind katastrophal. Die meisten Berufe, die hier ihre
Grundlage finden, sind überbelegt oder aussichtslos.
- Viele Schüler haben nicht die erforderliche
Studierfähigkeit. Das wird besonders dadurch offensichtlich, dass die
Universitäten ohne Eingangstests oder Numerus Clausus nicht auskommen.
Es herrscht kein Vertrauen in das Abitur als Zeugnis der
Studierfähigkeit.
- Die Fachhochschulen haben hervorragende Ergebnisse
und hohe Abnahmequoten bei der Wirtschaft. Das kommt daher, dass sie
sehr gezielt Fachkenntnisse in Spezialdisziplinen vermitteln, die
aktuell und sehr gesucht sind.
- Das „Entmischungsprinzip" der Bildungsministerin ist
eine Katastrophe. Zunächst bestimmen praktisch die Eltern nach der
Grundschulzeit, auf welche Schulform der Sekundarstufe I ihr Kind
wechselt. Das wird ermöglicht durch die Abschaffung einer
Aufnahmeprüfung bzw. eines Gutachtens durch die Grundschule. Die
derzeitige Empfehlung hat wenig Rechtswirksamkeit, sodass die Eltern
ihre Kinder in jeder beliebigen Schulform anmelden können. Die Schulen
sind gezwungen die Kinder aufzunehmen, sofern sie Platz haben. Die
Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien haben eine Orientierungsstufe
(Klasse 5 und 6), nach deren Besuch die Versetzungskonferenz der Klasse
6 entscheidet, ob das Kind für die betreffende Schulform geeignet ist
und weiterhin auf dieser Schule bleiben darf. Andernfalls muss es die
Schule verlassen. Bei den Gymnasien und Realschulen klappt das
einwandfrei: Sie können sich aller Schüler entledigen, die nicht
brauchbar sind. Bei den Hauptschulen sind Abweisungen an die
Förderschulen kaum möglich; stattdessen werden sonderpädagogische
Maßnahmen empfohlen. Diese wiederum bedingen einen speziellen
Aufnahmeantrag mit viel Papierkram, sodass allein deshalb viele
Förderschüler in Hauptschulklassen bleiben. Außerdem ist das politischer
Wille, denn die Förderschulen sollen verschwinden und einem gemeinsamen
Lernen von nicht behinderten und behinderten Schülerinnen und Schülern
weichen. Die Gesamtschulen fallen
heraus, weil sie keine Orientierungsstufe haben. Sie müssen mit den
einmal angenommenen Schülern leben, was noch dadurch erschwert wird,
dass sie kein Sitzenbleiben bis zur Klasse 10 kennen.
- Die Grundschulen geben keine eindeutige Beurteilung
mehr ab, sondern eine Empfehlung, die oft wenig aussagefähig ist, weil
sie nicht klar die tatsächliche Leistung des Schülers beschreibt.
- Die Schulen der Sekundarstufe I müssen in vielen
Fällen erst einmal die Defizite der Grundschule aufholen, um eine
vernünftige Ausgangsbasis im 5. Schuljahr zu haben, die eine
entsprechende Lernleistung der Schüler zur Folge hat.
- Die Leistungsbereitschaft der Schüler ist teilweise
nur minimal oder gar nicht vorhanden, da in der Grundschulzeit viel
„verspielt" worden ist und die Schüler nicht gelernt haben ernsthaft zu
arbeiten.
- Die Beratung der Eltern in der Grundschule ist
nicht offen und realistisch. Die einzelnen Schulformen mit ihren
Leistungen und Erwartungen werden nicht richtig vorgestellt, weil die
dort informierenden Lehrer zu wenig Einblick in die derzeitige Pädagogik
dieser Schulformen haben.
Das Gymnasium wird als beste Schulform dargestellt. Wenn Eltern danach
fragen, wird ihnen gesagt, sie "könnten es ja mal erst mit dem Gymnasium
probieren. Wenn es nicht klappt, könnten die Kinder ja ohne Weiteres
anschließend in eine andere Schulform wechseln. Schließlich haben wir ja
ein durchlässiges Bildungssystem."
Die Gesamtschule wird als kindgerecht und Fortführung der Grundschule
dargestellt. Sie wird als geeignet für alle Schüler geschildert, die
irgendwelche Lernprobleme haben. Ein typischer Ausspruch ist: „In der
Realschule muss Ihr Kind lernen - in der Gesamtschule kann Ihr Kind
lernen!"
- Die Hauptschule wird als letzte Möglichkeit
dahingestellt. Vielfach wird den Eltern gesagt, sie sollten versuchen
ihr Kind in einer Gesamtschule unterzubringen, weil es für „Hauptschule
zu schade sei". Die Hauptschule wird in den Ballungsgebieten als Schule
mit Ausländer- und Gewaltproblemen klassifiziert. Das Gymnasium wird als
Schule dargestellt, die von den Schülern ein hohes Maß an
intellektueller Lernleistung und Fleiß fordert. Die Gymnasialempfehlung
wird nur gegeben, wenn das Kind eindeutig zur Leistungsspitze der Klasse
gehört. Die Realschule hingegen wird immer dann empfohlen, wenn sich die
Lehrer der Grundschule nicht sicher sind, ob ein Gymnasialbesuch
erfolgversprechend ist. Die Sonderschule wird fast nie empfohlen. Sie
wird ersetzt durch irgendwelche Förder- und Differenzierungsmaßnahmen.
In den Zeugnissen erscheinen verklausulierte Leistungen, die „in
differenzierten Kursen" erbracht worden sind. Nur die Eingeweihten
wissen, dass diese Leistungen realistisch als ungenügend einzustufen
sind.
- Im Schuljahr 2000/2001 verließen 88.500 Jugendliche
eine allgemein bildende Schule ohne Abschluss – fast ein Zehntel aller
Schulabsolventen. Etwa zwei Drittel davon sind männlich. Jeder fünfte
Abbrecher ist ein ausländischer Jugendlicher. In Ostdeutschland hatten
12 Prozent der Abgänger kein Abschlusszeugnis, im Westen waren es knapp
9 Prozent. Das hat sich in den letzten Jahren nur wenig verbessert: Im
Jahre 2006 waren es wieder 75.897 Jungen und Mädchen, die die Schule
ohne Abschlusszeugnis verließen.
- Im Jahr 2001 wurde gut jeder vierte neu
abgeschlossene Ausbildungsvertrag vorzeitig gelöst. Besonders viele sind
es im Handwerk, weniger hingegen in kaufmännischen Berufen und beim
Staat. Jeweils etwa ein Viertel der gelösten Verträge fällt in die
dreimonatige Probezeit und das restliche erste Lehrjahr, die andere
Hälfte der Abbrecher schmeißt die Lehre später. Auch im Jahre 2006 waren
es noch 119.400 Jugendliche, die ihre Ausbildung abgebrochen haben. Das
sind 20% der Auszubildenden.
- Schätzungsweise ein Viertel der Studienanfänger
verlässt die Uni ohne Examen. In den Sozial-, aber auch den Sprach- und
Kulturwissenschaften werfen vier von zehn Studenten endgültig das
Handtuch. Dem Bauingenieurwesen, der Informatik, der Geographie oder den
Wirtschaftswissenschaften sagt jeder dritte Studienstarter wieder ade.
- Das Einstellungsverhalten der Wirtschaft hat sich
gewandelt. Es werden in den einzelnen Berufen immer höhere Ansprüche
gestellt, die manche Schulabgänger aufgrund ihrer Zeugnisse oder ihrer
Einstellungstest nicht mehr erfüllen. In vielen Fällen wird das Abitur
als Grundlage für eine Ausbildung verlangt. Viele Berufe, die früher den
Realschulabgängern noch offen standen, sind ihnen heute verschlossen,
weil sie kein Abitur vorweisen können.
Dreiviertel aller Hauptschulabgänger finden keinen Ausbildungsplatz
mehr.
- Das Elternverhalten hat sich gewandelt. Da die Eltern
wissen, dass heutzutage nur das Abitur alle Chancen für eine
Berufsausbildung eröffnet, wollen sie auch für ihre Kinder eine
Schulform, die zum Abitur führt. Die Hauptschule lehnen sie inzwischen
fast gänzlich ab und die Realschule bietet ihnen zuwenig.
- Es wird offen über eine Änderung der Landesverfassung
diskutiert. Da die Hauptschule ein Imageproblem hat, will man sie
abschaffen und ihre Verankerung in der Landesverfassung aufheben.
Weitere Details finden Sie auf meiner
Sonderseite mit Zahlen und Daten
aus den
europäischen Nachbarländern. |
Die Misere des deutschen Bildungssystems stellt Heino
Streier sehr gut in seinem "Klartext"-Kommentar dar:
Bildungsskandal
Jetzt haben wir es schwarz auf weiß: Jeder
zweite Hauptschüler findet auch nach einem Jahr Suche keine
Lehrstelle. Nach zweieinhalb Jahren sind immer noch vier von zehn
Hauptschulabsolventen auf der Suche - danach verschwinden diese
Jugendlichen aus der Bildungs-Statistik und tauchen in den Büchern
der Arbeitsagentur wieder auf: als Hartz IV - Empfänger. Wer Glück
hat, ergattert einen Minijob in der Videothek oder am Kühlregal im
Supermarkt. Das ist kein Problem, das ist ein Skandal.
Denn die Hauptschulen waren doch angetreten, den Nachwuchs für die
Unternehmen und die betriebliche Ausbildung bereit zustellen, für
das Rückgrat unserer Wirtschaft. Aber das wohlfeile Konzept aus den
60er Jahren funktioniert längst nicht mehr. Wer etwa als
Kraftfahrzeug-Mechatroniker oder in der Metall- und Elektroindustrie
anfangen will, braucht sich als Hauptschüler gar nicht zu bewerben -
die Betriebe verlangen Fachhochschulreife oder Abitur.
Das Problem sind nicht die Jugendlichen - die sind nicht zu doof.
Das Problem sind auch nicht die Lehrer an den Hauptschulen - viele
versuchen mit großem Einsatz das Beste für ihre Schüler. Das Problem
ist die Hauptschule selbst . Sie ist die Resteschule, hier werden
Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen- und aus
Zuwandererfamilien verwahrt, bevor sie in Perspektivlosigkeit
entlassen werden. Diese Kinder werden von unserem Bildungssystem
ausgesondert, bevor ihr Leben wirklich losgeht.
Statt auf Bildung, Teilhabe und individuelle Förderung setzt unser
Bildungssystem weiter auf Eliten und Auslese. Wir müssen endlich
kleinere Klassen, individuelle Betreuung , intensiven
Deutschunterricht, Nachhilfe für die, die es brauchen, Förderstufen
und solidarisches Lernen an allen deutschen Schulen realisieren. Das
wird viel Geld kosten, aber das müssen wir uns leisten. Es geht
nicht nur um unsere Kinder, sondern auch um die Zukunft unserer
Betriebe. Machen wir Schluss mit dem ideologischen Stellungskrieg um
die Hauptschulen - schaffen wir sie ab.
(Heino Streier: "Klartext" im WDR 2 am 12.6.2008)
|
Schülerschwund Im Schuljahr 2009/2010 besuchen
201525 Jungen und Mädchen in NRW eine Hauptschule - knapp 29
Prozent weniger als 2004/2005. Zum Vergleich: Es gibt fast
600000 Gymnasiasten.
Seit dem Schuljahr 2004/2005 ist die Zahl der Hauptschulen um 62
auf jetzt 671 gesunken; 336 davon sind Ganztagsschulen, sieben
sind Privatschulen.
(Quelle Rheinische Post 20.4.2010)
|
Studie: Einbrechende Schülerzahlen
setzen Schulen unter Druck
DÜSSELDORF(RP) Der demographische Wandel wird
nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung schon bald radikale
Veränderungen im deutschen Schulwesen erzwingen. Bis zum Jahre
2025 wird demnach die Zahl der Sechs- bis 18-Jährigen von knapp
11 Millionen auf 9 Millionen zurückgehen. Durch den damit
verbundenen massiven Rückgang der Schülerzahlen verlören auch in
NRW in den kommenden Jahren viele Schulen die
Zukunftsperspektive. Außerdem werde das dreigliedrige
Schulsystem weiter unter Druck geraten. Die Hauptschule sei vom
Aussterben bedroht. (Quelle: Rheinische
Post 7.11.2009)
|
Ich verstehe nicht, dass die Politiker nicht begreifen
wollen,
dass wir es versäumt haben, in der Vorschulphase die schwächeren Kinder
so zu fördern, dass sie in der Grundschule den Anschluss bekommen und
nicht die sprachlich normal entwickelten Kinder in ihrem Lernzuwachs
hemmen. Schließlich kann man doch im Kindergarten eindeutig feststellen,
ob Sprachschwierigkeiten vorliegen. Diese müssen dann eben durch
verpflichtende Förderprogramme behoben werden. Das kann doch nicht so
schwierig sein.
Seit Jahren wird viel Geld in Reparaturprogramme für gescheiterte
Hauptschüler gesteckt. Die Gelder müssten stattdessen in die
Frühförderung und in den Vorschulbereich investiert werden. |
Allerdings ist auch das deutsche
Föderalismussystem nicht gerade unbeteiligt an diesem Dilemma.
Schüler sind in Deutschland seit Jahren Versuchskaninchen. Die
deutsche Schullandschaft ist kaum zu überschauen und eine
Katastrophe: Während in Berlin die sechsjährige Grundschulzeit
gerade abgeschafft wurde, weil sich gezeigt hat, dass
leistungsstarke Schüler deutlich unterfordert sind, führt
gleichzeitig in Hamburg die Koalition von CDU und Grünen dieses
Modell wieder ein. Niedersachsen
wiederum hat nach 20jähriger Erfahrung mit der sechsjährigen
Grundschule beschlossen, die Kinder wieder nach dem 4. Schuljahr auf
die weiterführenden Schulen zu schicken. Auch dort hat man
festgestellt, dass die Bildungspotenziale unzureichend ausgeschöpft
wurden und dass die Prognosesicherheit nicht wie erwartet erhöht
werden konnte.Der Trend geht derzeit
überall zur Zusammenlegung von Hauptschulen und Realschulen -
allerdings nicht aus pädagogischen, sondern aus demographischen
Gründen - und zu einem längeren gemeinsamen Lernen.
Allerdings bleibt das
Kernproblem: Wie sollen stark unterschiedlich leistungsfähige Kinder
in einer Lerngruppe gefordert und gefördert werden?
Dazu braucht man gut ausgebildete und
motivierte Lehrer, kleine Klassen und gute Unterrichtsbedingungen.
Diese Voraussetzungen sollte man schaffen statt fehlerhafte
Vergleiche mit Finnland als Super-PISA-Land anzustellen. Die
deutschen Verhältnisse sind anders und nicht übertragbar. Sie sind
ein einziger Bildungs-Dschungel, den Eltern gar nicht mehr
durchschauen.
Hier der Wirrwarr im deutschen Schulwesen im
Jahre 2011: |
|
Baden-Württemberg
|
Bayern
-
Gymnasium
-
Realschule
-
Mittelschule
-
Hauptschule
|
Berlin
-
Schulsystem im
Um-bruch;
-
Gymnasium
-
Realschule
-
Hauptschule,
verbundene Haupt- und Realschule
-
Gesamtschule
-
Gemeinschaftsschule
(als Schulversuch mit gemeinsamem
Unterricht bis zur Klasse 10)
-
Grundschule 6 Jahre
-
39% Gymnasiasten
-
11,5% Abgänger ohne
Abschluss
|
Brandenburg
|
Bremen
-
Schulsystem im
Umbruch
-
Gymnasium
-
Gesamtschule
-
Oberschule
(ersetzt Haupt- und Realschule; in 9 und 10
Bildung von Haupt- und Realschulklassen)
-
Grundschule 4 oder 6
Jahre
-
38% Gymnasiasten
-
8,4% Abgänger ohne
Abschluss
|
Hessen
|
Hamburg
-
Die Schullandschaft
ist im Umbruch; demnächst nur noch:
-
Gymnasium
-
Stadtteilschule
(als integrierte Haupt- und Realschule;
evtl. mit gymnasialer Oberstufe)
-
Grundschule 4 Jahre
(6jährig im Volksentscheid gescheitert)
42% Gymnasiasten
-
8,7% Abgänger ohne
Abschluss
|
Mecklenburg-Vorpommern
-
Gymnasium
(Klasse 7-12)
-
Regionalschule
(Klasse 5-10)
-
Gesamtschule
(Klasse 5-12)
-
Grundschule 4 Jahre
-
-
42% Gymnasiasten
-
16,8% Abgänger ohne
Abschluss
|
|
Niedersachsen
|
Nordrhein-Westfalen
|
Rheinland-Pfalz
|
Saarland
-
Gymnasium
-
Erweiterte Realschule
(Klasse 5 - 6 Orientierungsstufe,
danach Haupt- und Realschulklassen)
-
Gesamtschule
-
Grundschule 4 Jahre
geplant: 5 Jahre
-
34% Gymnasiasten
-
6,6% Abgänger ohne
Abschluss
|
Sachsen
-
Gymnasium
-
Mittelschule
(Klasse 5 - 6 Orientierungsstufe, danach
Hauptschul- oder Realschulbildungsgang oder Wechsel zum
Gymnasium)
-
Grundschule 4 Jahre
-
38% Gymnasiasten
-
11,1% Abgänger ohne
Abschluss
|
Sachsen-Anhalt
-
Gymnasium
-
Gesamtschule
-
Gemeinschaftsschule
-
Sekundarschule
(Klasse 5 - 6 Orientierungsstufe, danach
Hauptschul- oder Realschulbildungsgang)
-
Grundschule 4 Jahre
-
40% Gymnasiasten
-
14,9% Abgänger ohne
Abschluss
|
Schleswig-Holstein
-
Gymnasium
-
Regionalschule
(Klasse 5 - 6 Orientierungsstufe, danach Hauptschul- oder
Realschulbildungsgang)
-
Gemeinschaftsschule
(gemeinsamer Unterricht bis zur Klasse 10)
-
Grundschule 4 Jahre
-
31% Gymnasiasten
-
8,3% Abgänger ohne
Abschluss
|
Thüringen
-
Gymnasium
-
Regelschule
(Klasse 5-10, Orientierungsstufe in 5 und 6,
danach Hauptschul- oder Realschulabschluss)
-
Gesamtschule
-
Grundschule 4 Jahre
-
41% Gymnasiasten
-
8,9% Abgänger ohne
Abschluss
|
| (Tabelle erstellt nach Daten von Der Spiegel 27/2010. In der
Tabelle wird der Anteil der Gymnasiasten aufgeführt, der sich im 8.
Schuljahr befindet. Dadurch wird die Übergangsquote nach dem 4. oder 6.
Schuljahr relativiert, da anschließend noch viele die falsche
Schulformentscheidung korrigieren. Bei den Abgängern ohne Schulabschluss
handelt es sich um den Prozentsatz der Gleichaltrigen.)
|
3. Vorschläge für ein neues Schulsystem
Die nachfolgenden Ausführungen habe ich seit 2003
auf dieser Webseite, aber die Schulpolitik ist träge. Im November 2010
fand eine Expertenbefragung im Landtag statt, die wiederum die
kontroversen Standpunkte darlegte. Während die rot-grüne Landesregierung
das längere gemeinsame Lernen und die Gemeinschaftsschule zum Ziel
erklärten, stellten viele Fachleute die positive Wirkung in Frage.
Damit in Zukunft alle
derartigen Verzerrungen vermieden werden, ist ein neues Schulsystem in
der Sekundarstufe I erforderlich. Dieses muss so strukturiert sein, dass
die eingangs
genannten Faktoren korrigiert werden und
Deutschland innerhalb des globalen Wettbewerbs wieder konkurrenzfähig
wird.
Die Lehrerverbände, Parteien und Gewerkschaften haben
in der Vergangenheit viele Vorschläge gemacht, die teilweise sinnvoll
waren, teilweise aber politisch nicht durchsetzbar waren. Das ist auch
jetzt wieder der Fall. Vielleicht ergibt sich jedoch durch den PISA-Schock
eine neue Situation und bessere Einsicht.
|
a)
Das eingliedrige Schulsystem
Die GEW schlägt ein eingliedriges Schulsystem vor, bei dem die
Schülerinnen und Schüler bis zur 10. Klasse zusammen bleiben. Dieser Form
liegt die Überlegung zugrunde, dass eine möglichst lange integrative
Schulzeit einer frühen Selektion überlegen ist. Die Ergebnisse der PISA-Studien untermauern diese These. Im Prinzip ist das auch richtig,
allerdings wissen wir aber aus dem Schulalltag, dass dann ein Höchstmaß an
Binnendifferenzierung erforderlich ist, um die individuellen Talente
entsprechend zu fördern. Alle Grundschullehrer wissen, dass intelligente
und leistungsstarke Kinder einen unbändigen Wissensdurst haben. Sie wissen
aber auch, wie viel Zeit und unendliche Geduld die langsam Lernenden
benötigen. Und diese Schere zwischen diesen beiden Extremen klafft immer
stärker auseinander, je älter die Kinder werden.
Wie lange die Kinder im Primarbereich zusammenbleiben sollen, darüber ist
man sich noch nicht einig. 4 Jahre? 6 Jahre? 8 Jahre? Einig ist man sich
allerdings über die Notwendigkeit einer Vorklasse oder "Starterklasse" vor
dem 1. Schuljahr. Inzwischen haben nämlich alle eingesehen, dass man zum
erfolgreichen Lernen in der Schule wenigstens die deutsche Sprache
beherrschen muss.
Ungeklärt ist auch, was mit den Lernschwachen und den Schülerinnen und
Schülern mit großen Erziehungsdefiziten im Sekundarbereich geschehen soll.
Die SPD will sie alle integrieren und die Sonderschulen abschaffen. Sie
führt die Erfolge der Integrationsklassen an, die in NRW als Schulversuche
laufen. In Wahrheit sind die aber gar nicht so erfolgreich, wenn man
hinter die Kulissen schaut. Denn oft ziehen die integrierten Lernschwachen
oder Erziehungsschwachen gewaltig das Niveau der Klasse herunter, sodass
im Endeffekt die Sonderschüler zwar bessere Leistungen und Abschlüsse
erzielen, diese aber im Gesamtniveau sehr schwach sind.
Außerdem wissen wir aus Erfahrung, dass manche Kinder einfach nicht zu
integrieren sind. Hier müsste also ein sehr differenziertes Förderkonzept
eingesetzt werden.
Die Grünen wollen auch einen gemeinsamen Unterricht bis zur Klasse
10. Sie haben zwar noch kein differenziertes Konzept vorgelegt, sehen
darin jedoch einen Ausweg aus der PISA-Krise. Sie fordern allerdings den
Ausbau des gemeinsamen Unterrichts für sonderpädagogisch zu betreuende
Kinder. Nach ihrer Ansicht sollen die Eltern entscheiden können, ob
ihr sonderpädagogisch zu betreuendes Kind in einer Sonderschule oder in
einer allgemein bildenden Schule gefördert werden soll. Das ist deutlich
realistischer als das Konzept der SPD, die alle diese Kinder im normalen
Schulsystem integrieren will.
Interessant ist auch ein Positionspapier der Schulleitervereinigung der
Gesamtschulen in NRW vom 2.5. 2003, das die Defizite des derzeitigen
Bildungssystems kennzeichnet und als Lösung die "Klasse Eins bis Neun"
vorschlägt. Damit ist ein geschickter Verkürzungsvorschlag der Schulzeit
verbunden, der sich nicht wie bei den Bildungspolitikern auf eine
Verkürzung der Oberstufe, sondern der Sekundarstufe I bezieht. Die Punkte
sind einer Überlegung wert, allerdings durch die politische Entscheidung
für das Abitur nach 12 Jahren überholt worden. Ich habe das Positionspapier auf meiner
Downloadseite unter dem Namen slvge.doc
im WORD-Format zum Herunterladen bereitgestellt.
b) Das zweigliedrige Schulsystem
Die SPD schlägt ein zweigliedriges Schulsystem vor. Das Gymnasium soll wie
bisher bestehen bleiben und daneben soll eine Sekundarschule entstehen,
die sämtliche anderen Schülerinnen und Schüler der bisherigen Schulformen
unter einem Dach integriert. Auch die Sonderschulen sollen darin eingebaut
werden. Diesem Vorschlag liegt die Überlegung zugrunde, dass nach den PISA-Ergebnissen ein integriertes System bessere Leistungen erbringt.
Außerdem könnte man wesentlich kostengünstiger arbeiten, wenn man die
Sonderschulen auflöst und die Oberstufen der Gesamtschulen entfernt. Es
würden dann nämlich Oberstufenzentren entstehen, die die Schülerinnen und
Schüler nach Abschluss der Sekundarstufe I gemeinsam besuchen würden.
Diese Oberstufenzentren dürften aber wahrscheinlich kaum an einem
Gesamtschulstandort angesiedelt sein. Das Gymnasium und mit ihm der
Philologenverband sieht einer solchen Entwicklung natürlich gelassen
entgegen. Sie glauben einfach, dass die Eltern ihre Kinder wie bisher
zunächst auf der "besseren" Schulform ihre Kinder anmelden werden; und
damit bliebe wie bisher alles beim Alten. Dem Realschullehrerverband
gefällt ein solcher Vorschlag gar nicht, weil dann alle Vorteile des
bisherigen Systems verschwunden sind. Der Gesamtschule passt dieses System
auch nicht, weil sie erkennt, dass dann ihre Oberstufe verschwunden ist.
Dem VBE gefällt eine solche Lösung, weil damit die Hauptschule endlich aus
dem negativen Nimbus der "Restschule" herauskommt und die dort
unterrichtenden Lehrerinnen und Lehrer endlich wieder Erfolgserlebnisse
haben.
Alle haben natürlich das Problem mit der Integration der Sonderschule. Ich
glaube auch nicht, dass dies so einfach zu lösen sein wird. Meiner Meinung
nach ist die SPD damit auf einem Irrweg. Das Eckpunkte-Papier der SPD
können Sie auch von meiner Downloadseite unter
spd-eckp.pdf herunterladen.
Inzwischen ist aber auch die SPD von ihrem damaligen Konzept
abgewichen und hat auf ihrem Bildungsparteitag in Bochum 2007 ein neues Konzept beschlossen, das im Falle eines
Wahlsiegs im Jahre 2010 umgesetzt werden soll.. Kernpunkt ist die
Einführung einer Gemeinschaftsschule, die das dreigliedrige System
ablösen soll. Allerdings gilt das auch nur für die Klassen 5 und 6, weil
ab Klasse 7 die Differenzierung einsetzen soll. Das Konzept ist noch
unausgegoren. Mal sehen, was daraus wird.
Immerhin ist die Gemeinschaftsschule als Versuchsschule gestartet,
sodass ab 2011 etwa 19 Schulen in dieser Art entstehen werden.
c) Das
dreigliedrige Schulsystem
Die CDU vertritt einen anderen Weg. Sie wollte jahrelang das Gymnasium und die
Realschule bestehen lassen und die Hauptschule mit der Gesamtschule
zusammenlegen. Diese neue Schule sollte dann "Aufbauschule" heißen. Der
Grundgedanke lag darin, dass die Hauptschule als "Restschule" und auch
die Gesamtschule verschwinden sollten. Dieser Vorschlag wurde vom Gymnasium
und vom Philologenverband akzeptiert, weil es die Schulform Gymnasium nicht berührte.
Vom Realschullehrerverband aus den gleichen Gründen auch. Dem VBE gefiel
das weniger, weil diese neue Schulform dann schnell zu einer neuen
"Restschule" verkümmern würde. Die Gesamtschule sah das auch so.
Die CDU machte sich allerdings keine Gedanken über eine Integration der
Sonderschule. Sie wollte sie so bestehen lassen, wie sie war. Was
vielleicht auch vernünftig ist, weil sie sich nicht so einfach
integrieren lässt wie sich die SPD und die Grünen das vorstellen.
Natürlich überlegte sich die CDU auch, was politisch durchsetzbar ist. Ich glaube nämlich nicht, dass sich ein
eingliedriges Schulsystem so einfach installieren lässt, weil man das
Gymnasium, das in den Jahrhunderten als Schulform gewachsen ist und sich
für die studienbezogene Bildung bewährt hat, nicht so einfach eliminieren
kann. Ähnliches gilt auch für die Realschule, die sich für die mittleren
Abschlüsse bewährt hat und noch heute eine hohe Akzeptanz bei den Eltern
gefunden hat.
Alles änderte sich aber schlagartig im Jahre 2010, als die rot-grüne
Koalition die gelb-schwarze Regierung ablöste und begann, die
Gemeinschaftsschule als ihr Konzept von 2007 durchzusetzen. Der
demographische Wandel war nicht mehr wegzudenken und der Schülerrückgang
so offensichtlich, dass auch die CDU über pragmatische Lösungen
nachdenken musste. Außerdem wollen die Eltern die Hauptschule
offensichtlich nicht mehr, und die CDU begriff es endlich.
So entwickelte die CDU ein neues Konzept und verabschiedete im März 2011
auf dem Parteitag in Siegen ihre neuen schulpolitischen Leitlinien, die
Sie im Downloadbereich unter dem Namen
CDU-Bildung2011.pdf finden. |
|
Neben diesen Parteivorschlägen
haben die Gewerkschaften und Verbände natürlich auch noch eigene
Vorstellungen. Der VBE vertritt ein Zwei-Säulen-Modell und versucht, die
Hauptschullehrer nicht untergehen zu lassen, weil in diesem Bereich ein
großer Teil seiner Mitglieder arbeiten. Ich denke, man sollte in der Tat
nicht nur von dem viergliedrigen Schulsystem, sondern auch davon
konsequent Abschied nehmen. Die GEW hat das bereits getan, der
Philologenverband hielt es nicht für nötig, weil er annimmt, dass doch
keiner am Gymnasium vorbeikommt. Die Lobby der Eltern für das Gymnasium
ist so groß, dass seiner Meinung nach keine Notwendigkeit einer
Veränderung besteht.
Mein Vorschlag:
Vielleicht sollte man den Mut
haben, Schule neu zu denken und einen neuen Vorschlag machen. Als ich den
Zukunftsbericht NRW 2015 gelesen hatte, der im März 2004 veröffentlicht
wurde, habe ich mir deshalb eine neue Schule vorgestellt. Hier ist sie:
Eine
Schule für Alle
Präambel:
PISA und andere Untersuchungen haben gezeigt, dass Deutschland im
internationalen Vergleich der Schulleistungen am unteren Rand der
vergleichbaren Länder zu finden ist. Das gesamte Schulsystem ist in den
letzten Jahren ins Gerede gekommen, weil sich gezeigt hat, dass die
erbrachten Leistungen nicht den Investitionen und Erwartungen entsprechen.
Die Gründe sind vielfältiger Natur, liegen aber hauptsächlich darin, dass
in den einzelnen Schulformen die ursprünglich erwartete Schülerpopulation
nicht erreicht wird. Weder die Gymnasien erhalten die Schüler, die sie
sich wünschen, noch die Realschulen, Gesamtschulen oder Hauptschulen.
In den Gesamtschulen zeigt sich, dass leistungsfähige Schüler nicht genug
gefordert werden und leistungsschwache nicht genug gefördert werden.
Der Ansatzpunkt:
Einig sind sich alle Experten darüber, dass die Leistungsfähigkeit der
Schule verbessert werden kann, wenn man das viergliedrige System aufgibt
und den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit gibt, sich möglichst
lange gemeinsam zu entwickeln, ohne eine frühzeitige Selektion zu
erzwingen. Außerdem hat in Deutschland die soziale Herkunft für den
Schulerfolg immer noch einen zu großen Einfluss.
Beide Faktoren bedingen eine Neuorientierung.
Da Bildung und Ausbildung Ländersache sind, kommt man an der politischen
Situation in NRW nicht vorbei. Unser Land ist ein Industrieland mit einer
hohen Ausländerquote. Diese wird sich weiter erhöhen, weil die
Geburtenrate der einheimischen Bevölkerung zu gering ist. Außerdem ergibt
sich durch die Globalisierung und die EU-Osterweiterung eine weitere
Vermischung unserer Kinder mit denen der Nachbarvölker. Das ist ein
weiterer Faktor, der nicht wegzudiskutieren ist.
Wir wissen alle, dass wir nur überleben können, wenn unsere Wirtschaft
qualifizierte Nachwuchskräfte mit einem hohen Bildungsstandard bekommt,
die den Standort Deutschland mit Industrieprodukten von hohem Niveau
sichert. Wir können weder Schulschwänzer, noch Leistungsverweigerer oder
unzureichend ausgebildete Studienanfänger gebrauchen. Wir können es uns
aber auch nicht leisten, ausländische Talente brach liegen zu lassen.
Wenn wir also einen Neuanfang wagen wollen, brauchen wir eine Schule für
alle Kinder, so unterschiedlich sie auch sein mögen.
Wir brauchen aber auch einen Neuanfang, der gleichzeitig die Mängel des
bisherigen Systems behebt. Weiter oben habe ich diese Mängel bereits
dargestellt.
Die Entwicklung des Konzepts:
In den vergangenen beiden Jahren sind mehrere Versuche unternommen worden,
die Schulstrukturdebatte in NRW neu aufzunehmen. Die SPD hatte im Frühjahr
2003 mit einem bildungspolitischen Eckpunktepapier zur Diskussion
aufgerufen, diese aber leider kurz darauf abgebrochen. Übrig geblieben ist
nur der Leitantrag des Landesvorstandes zum außerordentlichen Parteitag am
14.6. 2003, der deutlich abgeschwächt ist. Der Parteitag hat dann auch
nichts Neues gebracht, weil keine durchgreifenden Änderungen beschlossen
wurden. Vor einer endgültigen Entscheidung soll noch ein ausführlicher
Dialog geführt werden. Offensichtlich wird der auch geführt, denn Minister
Steinbrück hat auf der GEW-Tagung im März 2004 in Bochum einen neuen
Vorstoß gewagt. Er trat stark für den Umbau des Schulsystems zu einer
integrativen Schule ein. Ob er sich damit durchsetzt, sei dahingestellt.
Zumindest zeigt es aber, dass unterschwellig die Diskussion noch im Gang
ist.
Die Chancen für eine neuerliche
Schulstrukturdebatte sind eigentlich gar nicht so schlecht, wenn man
gewillt ist, einmal politische Ideologien beiseite zu lassen und
Vorurteile zu überwinden. Das ist leichter, wenn man die negativ beladenen
Begriffe nicht mehr verwendet, weil sich alle sofort angegriffen fühlen,
wenn irgendwo das Schlagwort „Gesamtschule“ oder „Sekundarschule“ fällt.
Also lasse ich sie in meinem Gedankenmodell auch erstmal alle weg.
Ich versuche auch, die von der CDU oder den Grünen, der SPD oder der GEW
vorgeschlagenen Kompromisse zu vermeiden. Notwendig ist nämlich eine
Struktur, die Akzeptanz finden kann, weil sie klar, einfach und
durchschaubar ist.
Allerdings berücksichtige ich bei
meinem Vorschlag einige realpolitische Faktoren, die sich durchgesetzt
haben, weil sie gesellschaftspolitisch gewünscht sind:
-
Verkürzung der Schulzeit: Abitur nach 12 Jahren
-
Ganztagsschule
-
Bildungsstandards
-
Kernkompetenzen
-
Mehr Selbständigkeit der
einzelnen Schulen
-
Qualitätsvergleich der Schulen untereinander
-
Andere Lehrerausbildung
-
Anderer Status der Lehrer
-
Erhöhung der Anwesenheitszeit der Lehrkräfte in der
Schule
-
Vorschulförderung
-
Flexible Eingangsphase
Darin sind sich nämlich alle Parteien
einig, die Unterschiede sind nur geringfügig.
Die Vision:
Die in PISA und anderen Untersuchungen aufgetretenen Schwächen sowie
die oben erwähnten Mängel könnten vermieden werden, wenn die Kinder schon
sehr früh in eine vorschulische Förderung eingebettet würden. Der
Zukunftsrat NRW 2015 setzt sich deshalb für die Einrichtung von
Kindertagesstätten ein, die die bisherigen Kindergärten ablösen
sollen. Bereits Dreijährige können hier von fachlich gut ausgebildeten
Vorschulpädagogen im Ganztagsbetrieb betreut und gefördert werden.
Diese Lehrkräfte wären aufgrund einer geänderten Lehrerausbildung in der
Lage, Defizite der Kinder in verschiedenen Bereich genau zu
diagnostizieren und geeignete Fördermöglichkeiten zu entwickeln. Wenn
dieses System kostenfrei ist, würden auch bildungsferne
Gesellschaftsschichten früh eingebunden und eine nachteilige
Entwicklungsverzögerung der Kinder vermieden. Sprachliche Förderung in der
Muttersprache und in Deutsch wären die wesentliche Grundlage für eine
erfolgreiche Einschulung.
Diesem Vorschlag schließe ich mich an.
Die Kinder werden sich in der Kindertagesstätte mehr oder weniger schnell
entwickeln und erste Talente entfalten. Sie werden beobachtet, gefördert
und beschrieben. Ein qualifizierter Bericht entsteht schließlich als
Grundlage für die Feststellung der Schuleignung. Das kann mit 5
oder 6 Jahren der Fall sein.
Der bedeutsame neue Ansatz ist nun
folgender:
Die Schule, in die die Kinder kommen, ist die Schule für Alle. Ich
schreibe „alle“ bewusst groß, weil es ein besonderer Teil des neuen
Schulnamens sein soll. Diese Schule dauert vom 1. bis 10. Schuljahr und
nimmt zunächst alle die Kinder aus der Vorschule auf, die einen positiven
Entwicklungsbericht mitbringen, der das erfolgreiche Lernen in der Gruppe
sowie die notwendigen geistigen, sprachlichen und körperlichen Bedingungen
bestätigt. Hiermit ist die Eingangsqualifikation definiert: Nachweis der
Schulfähigkeit in Form eines Entwicklungsberichts. Natürlich werden auch
einige Kinder dabei sein, die behindert oder verhaltensgestört sind. Man
wird sich also fragen, wie diese Kinder in einer Gruppe lernen, deren
Entwicklungsbericht positiv ist, während sie selbst Defizite haben. Das
bedeutet, dass nunmehr nicht die Schule eine „Schublade ist“, in die alle
gleichermaßen hineingepresst werden, sondern es wird gewissermaßen für
jedes Kind eine eigene „Schublade“ gezimmert. Diese Schublade ist ein
individuelles Entwicklungskonzept, das für jedes Kind nun hergestellt
wird. Es enthält besondere Förder- und Leistungsvorschläge und ein
Kerncurriculum, das für dieses Kind als Ziel erreicht werden soll. Es
werden also für das erste Schuljahr bestimmte Kernkompetenzen definiert,
die am Schluss vorhanden sein sollen. Im Laufe des Schuljahres erkennt
man, welche Teile davon jedes Kind spielend leicht erreicht, welche es
aber nur teilweise oder vielleicht gar nicht erreichen wird. Daraus
entwickelt die Lehrerin oder der Lehrer ein Förderkonzept. Jedes
Vierteljahr wird eine Miniklausur in mündlicher oder schriftlicher Form
veranstaltet, die einen Leistungsnachweis darstellt, an dem man erkennen
kann, ob die angestrebten Ziele erreicht worden sind. Das erfordert ein
hohes Maß an Binnendifferenzierung, ist aber unumgänglich, wenn man das
Kind mit seiner individuellen Lernentwicklung in den Mittelpunkt setzt und
ein Schulsystem vermeiden will, das einfach wie eine Haube darüber gestülpt
wird. Die starke Individualisierung bedingt allerdings wesentlich kleinere
Klassen – ich bin der Meinung, dass die Schülerzahl 20 nicht überschreiten
darf. Es bedingt natürlich auch ein starkes Umdenken in der
Unterrichtsführung. Selbstverständlich ist auch, dass die Schule im
Ganztagsbetrieb abläuft und dass der Klassenlehrer oder Fachlehrer mit
seinen Lerngruppen die Hausaufgaben erledigt und gegebenenfalls Nachhilfe
erteilt.
Obwohl fremdsprachliche Elemente im
Unterricht durchaus früher erscheinen, wird Englisch als 1. Fremdsprache
im 3. Schuljahr Pflicht. Diese jetzt eingeführte Neuerung kann durchaus
akzeptiert werden. Es kann durchaus auch akzeptiert werden, dass Englisch
demnächst vom 1. Schuljahr ab unterrichtet wird. Ebenso könnten die restlichen Lehrpläne der ersten vier
Klassen wie bisher im Prinzip bestehen bleiben. Sie müssten nur
angeglichen werden. Man kann von dem angestrebten System der
Kernlehrpläne ausgehen.
Nach dem vierten Schuljahr entfällt die Entscheidung für eine
weiterführende Schule, da alles kontinuierlich weiterläuft.
Eine weitere Fremdsprache kommt im 5. Schuljahr hinzu. Dazu der
Fächerkanon, der bisher auch schon in der Sekundarstufe I ergänzt wird.
Ich halte zunächst an ihm fest, bin aber der Meinung, dass er entschlackt
und angeglichen werden muss. Ich weiß nämlich nicht, ob man in einer
technisch-naturwissenschaftlich geprägten Industriegesellschaft dem Fach
Technik so wenig Stellenwert geben kann, wie das jetzt geschieht. Oder ob
Naturwissenschaften integriert unterrichtet werden können, ohne dass die
Lehrer eine entsprechende Ausbildung haben. Das sind Sünden, die nicht
begangen werden dürfen. Weiterhin müssen die Lehrpläne aus einem Guss
sein.
Da sich die Lerngeschwindigkeit der
einzelnen Schülerinnen und Schüler aufgrund der unterschiedlichen
Entwicklung stark ändern wird, werden Lerngruppen eingerichtet, in
denen die Kinder zusammengefasst werden, die ähnliche Kompetenzziele
anstreben:
Die Oberstufe dauert zwei Jahre und
führt zum Abitur, das am Studienkolleg oder Berufskolleg abgelegt werden
kann. Das Studienkolleg ist die bisherige gymnasiale Oberstufe und nimmt
alle diejenigen Schülerinnen und Schüler auf, die aufgrund ihrer
Qualifikation ein Studium an einer Hochschule anstreben. Ziel des
Studienkollegs ist die Studierfähigkeit; deshalb sind auch die Inhalte so
ausgerichtet, dass die entsprechenden fachbezogenen und
bereichsübergreifenden Kompetenzen vermittelt werden. Das Kurssystem der
Oberstufe kann bestehen bleiben, da die Schülerinnen und Schüler das
System schon von den Leistungsgruppen und Standardgruppen kennen.
Die Kompetenzfelder richten sich nach
den bisherigen Lernbereichen; allerdings sollten Technik und Informatik
zum Pflichtbereich gehören:
|
Mathematisch - naturwiss.
Kompetenzbereich |
Künstlerisch - musischer
Kompetenzbereich |
Literarisch – sprachlicher
Kompetenzbereich |
|
|
KU, MU, TX, SP |
D, E, F, T, (oder andere, je nach
Profil der Schule) |
|
(zwei davon als Pflichtbindung) |
(zwei davon als Pflichtbindung) |
(D und zwei Fremdsprachen
als Pflichtbindung) |
|
Philosophisch – ethischer
Kompetenzbereich |
Geopolitischer
Kompetenzbereich |
Technisch - wirtschaftlicher
Kompetenzbereich |
|
|
SW, GE, EK, PK |
TC, IF, WW, HW |
|
|
( zwei davon Pflichtbindung) |
(zwei davon Pflichtbindung) |
Wer als Schüler in der Sekundarstufe I
überwiegend Basiskurse und Standardkurse besucht hat, wird Schwierigkeiten
haben, das Abitur in zwei Jahren zu schaffen. Deshalb sollte es möglich
sein, manche Kurse zu wiederholen und die Prüfung erst nach drei Jahren
abzulegen.
Die Oberstufe am Berufskolleg ist stärker fachbezogen. Ihr Ziel ist die
Studierfähigkeit an einer Fachhochschule. Die bestehenden Strukturen
können auch hier weitgehend erhalten bleiben.
Die Lehrerausbildung
Die
Lehrerausbildung muss sich natürlich ändern. Durch den notwendig werdenden
Vorschulpädagogen in der Kindertagesstätte muss der bisherige Beruf des
Erziehers ersetzt werden. Es kommt stattdessen eine Vorbildung an der
Fachhochschule oder Universität in Frage, die entsprechende diagnostische Kompetenzen
ausbildet und dafür sorgt, dass der Vorschulpädagoge sprachliche und
verhaltensauffällige Defizite ausgleichen kann. Neben dem Vorschullehrer
können natürlich durchaus weitere Personen ( Sozialpädagogen, Erzieher)
aus den bisherigen Ausbildungsgängen weiterbeschäftigt werden.
Die Schule für Alle mit den Klassen 1 bis 10 braucht Pädagogen mit hohen
diagnostischen Fähigkeiten. Die Erstellung von individuellen
Kompetenzplänen und der Aufbau von Lernmotivation sind weitere wichtige
Bereiche; auch sie müssen grundgelegt werden. Die Lerngruppen erfordern
Lehrertypen, die außer fachlichem und pädagogischem Engagement ein hohes
Maß an Organisationsvermögen verfügen, denn die Steuerung von
Lernprozessen ist eine wichtige Voraussetzung für das selbstorganisierte
Lernen und eigenständiges Arbeiten. Und daran mangelt es schließlich den
deutschen Schulen.
Die fachliche Ausbildung kann durchaus bestehen bleiben.
Als Kostendämpfungsfaktor würde ich im Übrigen ein dreimonatiges Praktikum
in die Lehrerausbildung integrieren. In dieser Zeit müssten die Studenten
in die Schulen und nicht nur ein Unterrichtspraktikum ableisten, sondern
auch im Ganztagsbereich mitarbeiten und Nachhilfestunden in Fördergruppen
erteilen. Damit könnte der Stellenplan der Schulen kräftig entlastet
werden.
Mein Modellvorschlag für die Schule für alle:
Alter
|
Lernort |
Klasse
|
Bemerkungen
|
|
|
Universität |
Fachhochschule |
|
|
|
 |
 |
|
|
|
|
|
Ziel:
Studierfähigkeit |
|
|
|
|
|
|
18 |
|
|
13 |
Klasse 13 bei Bedarf |
|
17 |
Studienkolleg |
Berufskolleg |
12 |
Abschluss: Abitur |
|
|
11 |
|
|
16 |
|
|
|
Ziel: Berufsfähigkeit |
|
15 |
|
|
10 |
|
|
14 |
9 |
Profilbildung |
|
13 |
Schule für Alle
(Klasse 1 – 10)
|
8 |
|
|
12 |
7 |
Wahlpflichtbereiche |
|
11 |
6 |
|
|
10 |
5 |
2. Fremdsprache |
|
9 |
4 |
|
|
8 |
3 |
1. Fremdsprache (Engl.) |
|
7 |
2 |
|
|
6 |
1 |
Flexible Schuleingangs- |
|
5 |
Kinderschule
Kindertagesstätte für Alle |
|
phase mit 5
oder 6 Jahren |
|
4 |
|
|
|
3 |
|
|
|
2 |
|
|
|
|
1 |
|
|
|
Ein Schulsystem, das so aufgebaut wäre, würde folgende
Vorteile haben:
- ehrlich, durchschaubar für alle Bürger, alle Schüler
und deutlich billiger
- Wegfall der schwierigen Entscheidung nach dem 4.
Schuljahr, auf welche weiterführende Schule das Kind gehen soll
- kein Konkurrenzkampf unter den Schulformen
- echte Stadtteilschulen - und damit keine Fahrkosten
- vernünftiges Fremdsprachenangebot für alle
- Ganztagsangebot für alle
- alle Abschlüsse möglich, dazu Garantie eines
einheitlichen Standards
- vernünftige Differenzierung
- Wechsel in den Lerngruppen jederzeit möglich, erst ab
9. Schuljahr
Entscheidung für S-Profil oder B-Profil
- gleiches Gehalt aller Lehrer
- abgestimmte Lehrpläne
- weitere Pluspunkte, da alle oben genannten Fehler
des jetzigen Systems weitgehend vermieden werden
Anmerkung:
Die Ausführungen müssen
noch an vielen Stellen ergänzt und modifiziert werden. Die Umsetzung mit
allen Detailfragen, die sich noch ergeben, wird nicht einfach sein. Aber
entscheidend ist, dass man bereit ist sich auf ein solches Denkmodell
einzulassen, ohne sofort althergebrachte Vorurteile ins Feld zu führen, um
es ablehnen zu können.
Das Modell ist einfach und überschaubar. Kein Patchwork-Modell aus den
bisherigen Systemen. Solche Lösungen brauchen wir, weil die Zukunft neue
Problemlösungen erfordert.
Und unsere Kinder müssen in der Zukunft leben und in dieser bestehen –
sonst bekommen wir keine Rente!
Übrigens halte ich den Bericht des Zukunftsrates vom
Januar 2010 im Downloadverzeichnis unter dem Namen
zukunft.doc für Sie bereit. Lesen
Sie ihn. Er ist es wert!
|
Ein wenig Bauchschmerzen habe ich natürlich immer noch
mit den Schülerinnen und Schülern, bei denen "Hopfen und Malz verloren
ist", denn trotz aller Beteuerungen der Entwicklungspsychologen und
Bildungspolitiker habe ich in meiner 36-jährigen Lehrerzeit erkennen
müssen, dass es sie gibt. Deshalb ist die Frage nach den Sonderschulen
durchaus berechtigt. Die Politiker sehen es so:
|
| Brauchen wir weiterhin
Sonderschulen? |
| Zu diesem Thema haben die Fraktionen im Landtag
unterschiedliche Standpunkte. Der Auszug aus "Landtag intern" vom Mai
2003 ist zwar schon etwas älter, das merken Sie schon an der Überschrift.
Denn schließlich gibt es seit 2005 in NRW nur noch "Förderschulen". Aber
für die Diskussion ist der Inhalt durchaus interessant: |
Kindern und Jugendlichen mit Behinderung
sollte ein höchstmögliches Maß an gemeinsamem Leben und Lernen ermöglicht
werden. Wo dies realisiert werden kann - darüber entscheidet allein der
individuelle Förderbedarf. In NRW besuchen die weitaus meisten Kinder mit
sonderpädagogischem Förderbedarf Sonderschulen.
Nur etwa zehn Prozent besuchen Regelschulen mit unterschiedlichen
Integrationsangeboten. Der gemeinsame Unterricht als alternative Regelform
hat Erwartungen an schulische Integration geweckt, die nicht erfüllt
werden, weil die sächlichen und personellen Vorgaben dem Anspruch an
individuelle Förderung nicht gerecht werden. Viele Eltern entscheiden sich
bewusst für die Sonderschule, weil sie dort bessere Bedingungen vorfinden.
Kinder mit einer geistigen oder körperlichen Behinderung, aber auch
lernbehinderte Kinder haben einen sehr individuellen Förderbedarf, der oft
nur in einer speziellen Schule zu gewährleisten ist. Seit Jahren wird an
den Sonderschulen trotz ständig schlechter werdender Rahmenbedingungen
hervorragende Arbeit geleistet. Durch die Streichung der Mittel für das
medizinisch-therapeutische Personal an den Schulen für Körperbehinderte
hat das Land ein fatales Signal gesetzt. Statt Abbau brauchen
Sonderschulen eine deutliche Stärkung, um Kinder und Jugendliche mit
Behinderung optimal zu fördern und ihnen eine gleichberechtigte Teilhabe
am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.
(Ursula Monheim, CDU) |
Zur speziellen Förderung von Kindern und
Jugendlichen mit Behinderungen brauchen wir weiterhin Förderschulen, wie
wir die Sonderschulen in Zukunft nennen wollen. Wir wollen jedoch auch ein
Mehr an schulischer Integration in den allgemein bildenden Schulen.
Schulversuche und wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen,dass der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderungen
beide Seiten bereichert. Deshalb setzt die SPD-Fraktion auf mehr
Integration. Unser Parlamentsantrag vom 26. März diesen Jahres
„Integration von Schülerinnen und Schülern mit Behinderung stärken –
Weiterentwicklung der sonderpädagogischen Förderung“ dokumentiert das.
Perspektivisch wollen wir den Förderbedarf in den Förderbereichen „Lernen“
sowie „emotionale und soziale Entwicklung“ im Regelschulsystem abdecken.
Uns ist aber auch klar, dass heute keinesfalls an den allgemein bildenden
Schulen Bedingungen vorhanden sind, die eine vollständige Integration von
Schülerinnen und Schülern mit entsprechendem Förderbedarf zulassen würde.
Andere Länder, das wissen wir seit ihrem hervorragenden Abschneiden bei
der PISA-Studie, besitzen integrative Schulsysteme. Sie sind
offensichtlich in der Lage, alle Kinder einer Altersgruppe zu fördern;
dabei gelingt ihnen Integration nicht nur von Kindern mit Behinderungen,
sondern auch solchen aus sozial benachteiligten Familien und von
Migrantenkindern weitaus besser als in Deutschland.
(Wolfgang Roth, SPD) |
Selbstverständlich sind Sonderschulen
unverzichtbar. Sonderpädagogischer Förderbedarf liegt bei Kindern vor, die
in ihrer Lern- und Leistungsentwicklung so erheblichen Beeinträchtigungen
unterliegen, dass sie auch mit zusätzlichen Lernhilfen der allgemeinen
Schulen nicht ihren Möglichkeiten entsprechend optimal gefördert werden
können. Jugendliche mit Behinderungen benötigen daher sonderpädagogische
Förderung, um ihre individuellen Fähigkeiten bestmöglich entfalten und ein
Höchstmaß an gesellschaftlicher Teilhabe erlangen zu können. Nur
Sonderschulen sind mit Fachkräften auf Schüler mit so individuellem
Förderbedarf spezialisiert. Im gemeinsamen Unterricht bleibt die
erforderliche schulische Begleitung zumeist auf der Strecke. Da er keine
optimalen Fördereffekte entfaltet, sollte er grundlegend reformiert und
auf eine enge Zielgruppe konzentriert werden. Damit Sonderschulen auch
zukünftig ein qualitativ hochwertiges Bildungsangebot unterbreiten können,
bedürfen sie dringend einer besseren Ausstattung: Die
Schüler/Lehrer-Relation ist auf 8:1 abzusenken und der hohe Stundenausfall
durch eine geeignete Vertretungsreserve aufzufangen. Schulen für
Lernbehinderte sollen zur bestmöglichen Berufsvorbereitung ihrer Schüler
mit zusätzlichen Stellen zum Beispiel für Handwerker und
Sozialarbeitskräfte ausgestattet werden. Sonderschulen sind ferner zu
regionalen Kompetenzzentren auszubauen. Damit werden Ressourcen vernünftig
gebündelt und die Schulform Sonderschule in ihrer Gesamtkapazität
gestärkt.
(Ralf Witzel,FDP) |
Was wir brauchen ist ein Paradigmenwechsel
in unserem Bildungssystem: vom institutionenbezogenen Denken hin zu einem
Denken von den Kindern und Jugendlichen aus. Kinder und Jugendliche sind
nicht schulfähig oder sogar „schulformfähig“ – dies hat die PISA-Studie
hinlänglich dokumentiert. Vielmehr müssen unsere Schulen lernen, sich
aller SchülerInnen anzunehmen und Verantwortung für deren Lernerfolg zu
übernehmen, auch wenn diese sonderpädagogischer Förderung bedürfen. Die
Zuweisungen an Sonderschulen steigen in NRW und in ganz Deutschland
dramatisch an – hier sind wir europäische Spitzenklasse. Unser
aussonderndes Schulsystem bedient sich seiner Mittel, schwierige
SchülerInnen nach „unten“ durchzureichen, an die Sonderschulen. Dort
erfahren sie gute sonderpädagogische Förderung, aber es fehlt die
anregende und motivierende Gemeinschaft mit Kindern, die andere
Begabungen, aber auch andere Förderbedarfe in die Schule mitbringen. Die
Erfahrungen mit dem gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne
Behinderung zeigen, dass dieser Unterricht in integrativen, heterogenen
Gruppen allen zu Gute kommt. Nicht nur was das soziale Lernen angeht,
sondern auch ganz konkret in der schulischen Leistung. Mehr
Chancengleichheit und mehr Leistung – hierzu brauchen wir eine
schrittweise Überführung der sonderpädagogischen Förderung in das
Regelschulsystem.
(Dr. Ruth Seidl, GRÜNE) |
| Inzwischen spricht kein Mensch mehr von
Sonderschulen, sondern überall gibt es Förderschulen. Weiterhin sind
viele Integrationsklassen eingerichtet worden, in denen behinderte
Schülerinnen und Schüler aller Art mit normal entwickelten gemeinsam
unterrichtet werden. Das neue Schlagwort "Inklusion" hat in die
Pädagogik Einzug gehalten. Nach der Umsetzung der UN-Konvention und den
KMK-Empfehlungen sollen künftig die Eltern behinderter Kinder die Wahl
haben, ob diese zum Beispiel an einer Sonderschule, einer Regelschule
oder in einer Integrationsklasse lernen.
Auf meiner Webseite Inklusion finden Sie
dazu weitere Informationen.
Was muss die Ganztagsschule in NRW
leisten? |
Zu diesem Thema gibt es ebenfalls seit 2003 viele
Stellungnahmen der einzelnen Fraktionen . Allerdings haben sich alle
Meinungen stark angenähert. Inzwischen wollen alle die offene
Ganztagsschule, weil sie glauben, damit einen Ausweg aus der PISA-Krise
gefunden zu haben. Leider ist das ein großer Irrtum. Darin liegt es nämlich
nicht. Die offene Ganztagsschule wäre nur eine echte Lösung, wenn sie mehr
bieten würde als nur Betreuungsangebote. Das kostet aber mehr Lehrer und
eine bessere Schulausstattung, wozu man derzeit nicht willens ist. An
vernünftigen Konzepten mangelt es nämlich nicht - die haben die
Gesamtschulen, die ja im Normalfall als Ganztagsschulen geführt werden.
längst entworfen und erprobt.
|
Zur Schulstrukturdebatte habe ich
eine Sonderseite mit Zahlen und Daten aus den
europäischen Nachbarländern zusammengestellt. Damit können Sie besser
diskutieren, denn Sie finden auf dieser Seite Informationen über die Zahl
der Schulabbrecher, die Sonderschüler oder vergleichende Daten aus den
letzten Jahren!
Ist eine neue Schulstruktur die
richtige Antwort auf PISA?
Hier die Meinung der Landtagsfraktionen:
|
Es gibt in
Deutschland weder eine „neue Schulstruktur“, noch eine einheitliche „alte
Schulstruktur“. Die neuen Bundesländer haben fast alle nur zwei
Schulformen in der Sekundarstufe und die Koalition von SPD und CDU in
Brandenburg will neben dem Gymnasium eine „Oberschule“ durch
Zusammenlegung von Gesamt- und Realschule schaffen. Im Saarland hat die
CDU die Dreigliedrigkeit hin zur Zweigliedrigkeit verändert. In
Nordrhein-Westfalen will die CDU die Hauptschule und die Gesamtschule
abschaffen und durch eine so genannte „Aufbauschule“ ersetzen. Ansonsten
beschränkt sich die CDU auf eine Gespensterdebatte, in der sie der SPD
unterstellt, auf „kaltem Wege“ in NRW die „Einheitsschule“ einführen zu
wollen. Die Kampagne der CDU, die diese Unterstellung glaubhaft machen
sollte, ist bereits jämmerlich gescheitert.
Die PISA-Ergebnisse über Schülerleistungen und Integrationsfähigkeit
lassen Rückschlüsse auf die Effizienz unterschiedlicher Schulsysteme zu.
Allerdings werden Vergleiche auch dadurch erschwert, dass es außerhalb
Deutschlands kein Schulsystem gibt, das die Kinder im Alter von zehn
Jahren so rigide auf drei unterschiedliche Schulformen aufteilt. Selbst in
Österreich und in den meisten Kantonen der Schweiz – sowie bereits in
sechs Bundesländern – gibt es im Sekundarbereich nur noch zwei
Schulformen. Die SPD bietet einen offenen Dialog über ihre Bildungspolitik
und über ihre Reformansätze an.
Von Manfred Degen (SPD) |
Der Strukturstreit
hat die Bildungspolitik in Deutschland für zwei Jahrzehnte gelähmt. Die
Forderung nach einer neuen Schulstruktur lässt sich nicht mit den
Ergebnissen der PISAStudie begründen. Professor Baumert hat verdeutlicht:
Ein distanzierter und sachkundiger Betrachter, der keine politischen
Botschaften vermitteln will, kommt leicht zu dem Schluss, dass die
Untersuchungsergebnisse keineswegs zu eindeutigen Urteilen über Vor- und
Nachteile gegliederter oder einheitlicher Schulsysteme führen. Wir müssen
nach PISA das bestehende gegliederte Schulsystem verbessern und nicht
zerschlagen. Nicht eine neue Schulstruktur ist die Antwort auf PISA,
sondern bessere Unterrichtsqualität und individuelle Förderung. Ein
Systemwechsel mindert die Leistung. Aber eine weitere Leistungsminderung
können wir uns in Nordrhein-Westfalen nicht mehr erlauben – schon heute
sind wir weit abgeschlagen. Gerade auch die PISA-Verlierer verfügen über
eine verlängerte gemeinsame Schulzeit, nicht nur Finnland oder Schweden.
Die Vielgliedrigkeit des deutschen Schulwesens und seine Anpassung
an Besonderheiten in den einzelnen Bundesländern ist kein Nachteil, es ist
ein Vorteil, weil wir so Kinder begabungsgerechter unterrichten können.
Die Zauberwörter heißen: individuelle Förderung, kleinere Klassen,
verlässlicher, qualitativ hochwertiger Unterricht
und nicht Einheitsschule.
Von Bernhard Recker (CDU) |
Drei Jahre nach dem
PISASchock hat sich die desolate bildungspolitische Situation unseres
Landes leider immer noch nicht verbessert. Rot-Grün hat sich als
handlungsunfähig erwiesen, notwendige Qualitätsverbesserungen umzusetzen.
Das ist das große Versäumnis nach PISA. Die grüne Blitzableiterdebatte pro
Einheitsschule löst aber keines der bestehenden Bildungsdefizite. Dieser
ideologische Streit über alternative Schulstrukturen hat nur zu großer
Verunsicherung bei den Schulen vor Ort, bei Schülern und Eltern sowie
Lehrern geführt. Bestehende Unklarheiten müssen daher schnellstens durch
ein Signal der Verlässlichkeit für ein auch zukünftig differenziertes
Schulangebot beseitigt werden. Jede einzelne Schulform verfügt über ihren
spezifischen Bildungsgang und nimmt ihren speziellen Bildungsauftrag im
Gesamtsystem wahr.
Anstelle eines unfruchtbaren Schulstreits müssen Unterrichtsbedingungen
und Unterrichtsqualität unverzüglich und nachhaltig verbessert werden. Wir
brauchen sofort qualitative Verbesserungen in der Lehrerausbildung, bei
der Methodik und der Didaktik des Unterrichts und ein besseres Schulklima,
das die Lernmotivation fördert. Wir müssen dazu die notwendigen Ressourcen
bereitstellen, um mehr individuelles Lernen und eine zielgerichtetere
Förderung jedes einzelnen entsprechend seiner Begabungen zu ermöglichen.
Zudem benötigen wir im differenzierten System mehr Durchlässigkeit sowie
validere Verfahren beim Übergang vom Primarbereich in die weiterführende
Schule. Dies sind die eigentlichen bildungspolitischen Herausforderungen
in Zeiten von PISA.
Von Ralf Witzel (FDP) |
Die Struktur eines
Schulwesens ist kein Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck! Die Frage, die
dabei im Mittelpunkt stehen muss, lautet, welche Bildungsziele unsere
Schulen und mit ihnen unsere Gesellschaft erreichen möchten. Mehr
Chancengleichheit und bessere Leistungen für Kinder und Jugendliche in der
Spitze wie in der Breite sind der PISA-Studie zufolge oberstes Gebot. Wir
brauchen – das machen uns vor allem die skandinavischen Länder vor – eine
Offensive für individuelle Förderung und für eine Unterrichtsgestaltung,
die das einzelne Kind in den Mittelpunkt stellt. Das gegliederte System
leistet dies nicht und kann es auch nicht leisten, weil
Selektionsmechanismen greifen, bevor individuelle Förderung eine Chance
hat anzusetzen. Deshalb ist es Zeit, von erfolgreichen PISA-Ländern zu
lernen, und diese zeichnen sich durch integrative Schulsysteme aus. Wir
brauchen eine Schule der Vielfalt für alle Kinder, die bei den
Unterschieden der Schülerinnen und Schüler ansetzt, ohne strukturelle
Barrieren aufzubauen. Denn jede Art von institutioneller Barriere
behindert erfolgreiches Lernen und Leistung erheblich. Wir müssen die
Diskussion um die Schulstruktur ohne ideologische Scheuklappen in einer
breiten Öffentlichkeit führen, um eine Kultur in den Schulen zu
etablieren, die auf Förderung statt Auslese setzt und damit
Grundvoraussetzung für eine leistungsorientierte Schule der Vielfalt für
alle Kinder ist.
Von Sylvia Löhrmann (GRÜNE)
|
aus "Landtag intern" 11/2004
Was bedeutet individuelle Förderung für unser
Schulsystem?
Darüber sind sich Koalition und Opposition nicht
einig. Hier die Meinung der Fraktionen:
|
|
Ausgangspunkt
unserer Überlegungen muss die Frage sein: „Was bedeutet individuelle
Förderung für unsere Schülerinnen und Schüler?" Erst daran schließt sich
die Frage an, wie man diese Förderung in unserem Schulsystem realisieren
kann.
„Fördern statt auslesen" ist schon seit Jahrzehnten ein unumstrittener
Leitsatz der SPD – eine Forderung, die aber erst jetzt unter dem
Eindruck der PISA-Ergebnisse systematisch und schrittweise umgesetzt
wird. Bildungsstandards legen klar fest, was am Ende eines bestimmten
Bildungs- oder Lebensabschnittes gelernt sein soll. Die Überprüfung der
jeweils erreichten Kompetenzen bildet die Grundlage für die gezielte
Förderung.
Das Schulfähigkeitsprofil ermittelt individuellen Förderbedarf noch vor
Eintritt in die Schule. Die neue Schuleingangsphase ermöglicht ein
individuelles Lerntempo in der Grundschule und eine entsprechende
Förderung. Einen weiteren Schritt bilden die individuellen Lern- und
Förderempfehlungen anstelle der bisher üblichen so genannten „Blauen
Briefe". Lernstandserhebungen geben den Schulen und den Lehrern Hinweise
auf die Ergebnisse des Unterrichts und für Fördermaßnahmen.
Im Mittelpunkt aller Bemühungen muss die Qualität des Unterrichts
stehen. Dabei darf die individuelle Förderung von Schülerinnen und
Schülern nicht eine Ergänzung oder eine Reparatur von Unterricht sein.
Förderung muss vielmehr Unterrichtsprinzip sein. Dann würden das Sitzen
bleiben und das Abschulen auch in unserem Schulsystem verzichtbar sein.
Von Manfred Degen (SPD)
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Das
Fazit aus PISA lautet: Die individuelle Förderung in unseren Schulen
muss verbessert werden. Nicht die rot-grüne Einheitsschule, sondern
individuelle Förderung muss die zukünftige Bildungspolitik steuern.
Individuelle Förderung bedeutet: weniger Schulversager, weniger
Schulmüde, weniger Sitzenbleiber. Mehr Bildungsgerechtigkeit für alle.
Um
fördern zu können, bedarf es jedoch einer treffenden Diagnose – von
Leitungsdefiziten, aber auch Hochbegabung. Daher muss bereits in der
Lehrerausbildung ein Ausbildungsmodul Diagnose und Förderung eingeführt
werden. Aktuelle Maßnahmen wie Vergleichsarbeiten oder
Lernstandserhebungen sind in ihrer jetzigen Form nicht geeignet, eine
angemessene Diagnose für die individuelle Förderung zu geben. Diagnose
und Therapie müssen hier entkoppelt werden. Defizitdiagnosen lassen sich
sinnvoll nur aus der täglichen Unterrichtspraxis ableiten. Doch Diagnose
allein reicht nicht. Lehrer brauchen auch die Zeit und
Rahmenbedingungen, die es ihnen erlauben, Defizite zu beheben und
Begabungen zu fördern. Dazu ist zum Beispiel die „Offene
Ganztagsgrundschule" nicht in der Lage. Echte Ganztagsschulen sind hier
ein wichtiger Beitrag zu mehr Chancengerechtigkeit. Statt Lehrerstellen
in 2005 abzubauen, müssen zusätzliche Lehrerstellen geschaffen werden.
Von Bernhard Recker (CDU)
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Ein wesentlicher
Lösungsansatz zur Überwindung der PISA-Misere liegt neben einer
konsequenten Leistungsorientierung in der individuelleren Förderung
jedes einzelnen Schülers. Heute rächt sich ein wesentliches Versäumnis
von zehn Jahren rot-grüner Mangelverwaltung im Bildungsbereich: Unsere
Kinder werden zu wenig gefördert und gefordert. Im Ergebnis ist in
keinem deutschen Bundesland der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft
und Kompetenzerwerb so groß wie in NRW. Es ist im wahrsten Sinne des
Wortes ein Armutszeugnis der bisherigen Bildungspolitik, dass so jedes
Jahr die Intelligenz zehntausender Schüler ungenutzt verfällt.
Anstatt der rückwärtsgewandten rot-grünen Ideologiedebatte um Einführung
der Einheitsschule brauchen wir für jedes Kind den passenden Förderplan
in einem begabungsgerechten differenzierten Schulsystem. Jeder soll so
ermuntert und in die Lage versetzt werden, sein Begabungspotential
vollständig zu entwickeln und auszuschöpfen. Das geschieht durch
Umsetzung individueller Lernzielvereinbarungen unter
pädagogisch-fachlicher Begleitung der Lehrkräfte. Dies bedingt auch
veränderte inhaltliche Schwerpunkte in der Lehrerausbildung und
Lehrerfortbildung. Lehrer müssen mehr als bislang in die Lage versetzt
werden, die Begabungen der Kinder so früh wie möglich zu erkennen und zu
fördern sowie Benachteiligungen rechtzeitig abzubauen.
Das Verhältnis von lehrer- und schülerzentriertem Unterricht erhält
dadurch eine neue Gewichtung. Die künftige Rolle des Lehrers ist
zunehmend die eines Moderators von weitgehend selbst gesteuerten und
eigenverantwortlichen Lernprozessen der Schüler. Von Ralf Witzel
(FDP)
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Ein Lehrer spricht, 25 Schülerinnen und Schüler hören zu – dieser über
Jahrzehnte praktizierte Unterricht hat heute zwar schon vielfach
ausgedient, aber wir stehen dennoch in vielen Schulen am Anfang der
Einführung alternativer Unterrichtsformen. Individuelle Förderung muss
Standard im regulären Unterricht werden und ist nichts, was allein in
zusätzlichen Angeboten umgesetzt werden kann. In skandinavischen Ländern
arbeiten Kinder und Jugendliche nach individuellen, mit ihren
Lehrerinnen und Lehrern erstellten Wochenplänen, Lerngruppen arbeiten
mit unterschiedlichen Materialien und auf unterschiedlichem Niveau. Die
Rolle der Lehrkräfte wird sich verändern: Weg vom Hauptdarsteller im
Unterricht, hin zu Regisseuren des Lernens. Die Hauptdarsteller sind die
Kinder und Jugendlichen. Individuelle Förderung ist eng mit der
Unterrichtsgestaltung verbunden, sie hat mit den bereitgestellten
Ressourcen zu tun, aber auch und insbesondere mit der Lernkultur in
einer Schule und mit der Struktur eines Schulwesens. Elementar für das
Gelingen individueller Förderung ist die Übernahme der Verantwortung für
die Lernerfolge der Schülerinnen und Schüler durch die Lehrkräfte und
die Schule. So kennen viele Länder Maßnahmen wie Klassenwiederholungen
oder Abschulung – und damit die Übergabe der Verantwortung an andere –
nicht. Individuelle Förderung wird durch die strukturellen Barrieren in
unserem Bildungswesen erheblich erschwert. Deshalb müssen zur
Verankerung der individuellen Förderung in unseren Schulen Reformen der
Unterrichtsgestaltung mit Reformen der Schulstrukturen Hand in Hand
gehen. Wer diesen Zusammenhang negiert, verhindert innovative
Schulentwicklung.
Von Sylvia Löhrmann (Grüne)
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| aus: Landtag intern 36/2005 |
Der Streit über künftige Schulformen geht allerdings
in den Fraktionen weiter. Der Vorschlag der SPD vom September 2007, eine
Gemeinschaftsschule für alle einzuführen, wurde von der CDU als "Griff
in die Mottenkiste" bezeichnet. Inzwischen ist diese Schule
Wirklichkeit geworden. Während die SPD mit längeren gemeinsamen
Lernzeiten argumentiert, kontert die CDU mit dem Gymnasium als
beliebtester Schulform.
Zugeben muss man natürlich, dass die rot-grüne Koalition auch nach 25
Jahren gesamtschulorientierter Bildungspolitik eingestehen musste, das
25% der Schülerinnen und Schüler nicht richtig lesen, schreiben und
rechnen konnten. Das tut weh.Aber
im Endeffekt ist die Schulstruktur gar nicht so entscheidend, wie manche
denken:
Was nämlich alle
nicht so richtig wahrhaben wollen: Es hängt nicht von der Schulform ab,
wie gut jemand nach der Schulzeit lesen, schreiben und rechnen gelernt
hat, sondern vom Unterricht, den er genossen hat. Guter Unterricht ist
gefragt - da ist die Schulform nebensächlich!
Die neuen politischen Kräfte
daraus machen, die sich nach der Landtagswahl im Mai 2010 etabliert
hatten, haben fleißig an der Schulstruktur gearbeitet und im Alleingang
die Gemeinschaftsschule auf den
Weg gebracht. Grundsätzlich eine lobenswerte Sache, weil dadurch die von
den Eltern ungeliebte Hauptschule abgeschafft werden sollte.
Immerhin hatten bis zum Jahresende 2010 19 Schulträger einen Antrag auf
Einrichtung einer Gemeinschaftsschule gestellt, von denen 12 im Sommer
2011 gestartet sind. Allerdings ist das bereits ein Auslaufmodell, denn
durch den schulpolitischen Konsens ist die gesetzliche Grundlage
für die Sekundarschule geschaffen worden.
Die CDU hatte nämlich auch begriffen, dass die Hauptschule ein
Auslaufmodell ist und stellte sich langsam auf die Realitäten ein. Für
den Landesparteitag im März 2011 in Siegen hatte sie ein neues
schulpolitisches Konzept vorgestellt, das eine Annäherung an die
rot-grüne Regierung andeutete, allerdings am gegliederten Schulsystem
festhielt. Es setzte sich allerdings die Haltung durch, dass auch die CDU
einem rot-grünen Schulgesetz zustimmen könnte, wenn die
Gemeinschaftsschule nicht bevorzugt und das Gymnasium nicht in Frage
gestellt würde, sondern eine Gleichberechtigung aller Schulformen
garantiert würde. |
Konsens in der Schulpolitik und dauerhafter
Schulfrieden?
Im September 2010 hatte die Ministerin eine
Bildungskonferenz einberufen, in der mehr als 100 Teilnehmer aus über 50
Verbänden und Institutionen vertreten waren, die bis zum Mai 2011
beratschlagten, sich aber nicht über eine eindeutige Schulstruktur einig
werden konnten. Es werden sowohl organisatorische Verbundsysteme von
unterschiedlichen Schulformen wie auch integrative Systeme befürwortet.
Die Teilnehmer gehen in ihrer Abschlussdarstellung davon aus, dass beide
Systeme nebeneinander bestehen könnten und damit ein Kompromiss erzielt
werden könnte, der in einem neuen Schulgesetz festgeschrieben würde und
zu einem dauerhaften Schulfrieden führen könnte.
In dem Abschlussbericht spricht sich die Bildungskonferenz dafür aus,
dass in allen Schulformen der verpflichtende Ganztagsunterricht bis 2020
ausgebaut werden solle und dass allen Schülerinnen und Schülern im
Jahrgang 8 eine "Potenzialanalyse" angeboten werden soll. Gefordert wird
außerdem eine Fortbildung der Lehrer im Hinblick auf ihre
Diagnosekompetenz. Aber lesen Sie selbst: Im Downloadbereich habe ich
die Kurzfassung der Kommission unter dem Titel
Bildung2011.pdf gespeichert. |
| Nun ist ein Abschlussbericht einer Bildungskonferenz
eine Sache, die Umsetzung der Vorschläge durch die Politik eine andere.
Aber hier muss man in der Tat die nordrhein-westfälischen Politiker
loben, denn sie haben die Vorschläge umzusetzen versucht und sich
dazu durchgerungen, einen
gemeinsamen Gesetzentwurf zur
Weiterentwicklung der Schulstruktur in NRW einzubringen, der von den
Fraktionen der CDU, der SPD und der GRÜNEN getragen wurde. Das
verspricht in der Tat einen Schulfrieden - zumindest für die nächsten 12
Jahre - und ist sehr lobenswert. Inzwischen ist das Gesetz verabschiedet
worden und hat zu der neuen Schulform
Sekundarschule geführt. Kern des
Gesetzes ist die Einrichtung von Sekundarschulen, die vorwiegend durch
den Zusammenschluss von Hauptschulen und Realschulen gebildet werden.
Durch eine Kooperation mit einem Gymnasium oder einer anderen Schulform
mit integrierter Sekundarstufe II haben so alle Schülerinnen und Schüler
die Möglichkeit, sämtliche Abschlüsse zu erreichen. |

(Grafik: MSW) |
| Auf meiner
Webseite Sekundarschule habe ich ausgeführt, dass ich vorerst
noch an einem dauerhaften Schulfrieden zweifle, zumal das
Schulsystem sich innerhalb von nur 1 1/2 Jahren um zwei zusätzliche
Schulformen in verwirrender Weise erweitert hat. Vorerst wird es
also erst einmal ein Schulchaos geben.
Die Schulministerin Sylvia Löhrmann sagte am
3.1.2013 der Presse: "Die Dynamik der Schulentwicklung in NRW ist
beeindruckend", als sie bekannt gab, dass die Kommunen für das
Schuljahr 2013/14 53 neue Sekundarschulen beantragen wollen.
Wahrscheinlich hat sie dabei nur die Menge gemeint und nicht die
Qualität, denn es ist nicht zu übersehen, dass immer mehr
Eltern ihre Kinder in Privatschulen schicken. Der Anteil der
Schüler, die zur Zeit eine Privatschule besuchen, ist inzwischen von
4,8 auf 8,4 Prozent gestiegen. Der Kasseler Soziologe Heinz
Bude spricht sogar von einer "Bildungspanik" und einer gefährlichen
Tendenz, weil die öffentlichen Schulen zu Verlierern werden. Sehen
Sie sich auch dazu die Zahlen auf meiner Webseite
Zahlen und Daten zur Schulstruktur an.
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Weitere Hinweise:
| Thema/Titel |
Internet-Adresse |
| Diskussion über Bildungsreform
und Schulstruktur |
www.GGG-NRW.de |
| Leitantrag der CDU im März 2011
für eine neues schulpolitisches Konzept : Jedem Kind gerecht werden |
www.cdu-nrw.de |
| Diskussion über das
SPD-Eckpunktepapier |
www.gew-nrw.de |
| Aktuelle Informationen und
Drucksachen zur Schulpolitik finden Sie auf der Webseite des Landtags |
www.landtag.nrw.de |
| Bericht des Zukunftsrates NRW
2015 |
www.agenda21nrw.de/ |
| Schulkonsens und Überblick über
die geplante neue Schulstruktur in NRW |
www.schulministerium.nrw.de |
Letzte Aktualisierung dieser Seite am
04.01.13
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