Ganztagsunterricht oder Samstagsunterricht?

Die Schulzeitverkürzung zum zwölfjährigen Abitur und die Verlagerung eines Teils der  Unterrichtsstunden auf die Sekundarstufe I bedeutet für alle Schulen die Einführung des Ganztagsunterrichts durch die Hintertür. Darüber hatten sich die meisten Schulen zunächst gar keine Gedanken gemacht. Wenn nämlich zu den bestehenden 30-32 Stunden in der Sek. I noch zwei dazukommen, wird die Verteilung auf 5 Tage eng. Noch schlimmer der Stress in den Klassen 11 und 12, wenn 5 Stunden dazukommen.
Da gab es dann auch kräftige Proteste, als die Ministerin laut über die Wiedereinführung des Samstagsunterrichts laut nachdachte.
Rechtzeitig zum Schuljahresbeginn 2007/08 wurde ein entsprechender Erlassentwurf veröffentlicht, der es der Schulkonferenz ermöglichen soll, im Rahmen eines pädagogischen Gesamtkonzeptes den Unterricht am Samstag zu beschließen. Damit würde faktisch die Fünf-Tage-Regelung abgeschafft, denn die Schulen könnten wahlweise einen oder mehrere Samstage im Monat für den Unterricht vorsehen.
Das wird sicherlich auch einigen Kommunen und Schulträgern Kopfzerbrechen bereiten, die dieses Problem schon vor einigen Jahren hatten und sehr glücklich über den allgemeinen freien Samstag waren, da sie dadurch die Kosten für den Schulbusverkehr und die Heizung einsparen konnten.
SPD und Grüne wollen keinen Samstagsunterricht; stattdessen fordern die Grünen jetzt ein Mittagessen für alle Schüler (siehe nebenstehenden Antrag).

Außerdem soll die Pausenregelung geändert werden. Bei zwei Stunden Nachmittagsunterricht soll mindestens eine 60-minütige Pause eingelegt werden; bei einer Stunde am Nachmittag soll sie immer noch 30 Minuten betragen. Derartige Pausen bedeuten für viele Schulen ein zusätzliches Problem, weil sie keine Aufenthaltsräume und keine Mensa haben.  Für die Schulträger bedeutet das erhebliche Investitionen. Sie sind jetzt vor die Frage gestellt: Was ist preisgünstiger - der Samstagsunterricht oder der Ganztagsunterricht?

GRÜNE. Jedes Kind muss das Recht auf ein warmes Schulessen haben!

Für uns ist klar: Jedes Kind hat ein Recht auf eine warme Mahlzeit. Was im sonstigen Europa selbstverständlich ist, ist bei uns aber leider selten. Der Bedarf nach einem gesunden, warmen Mittagessen in der Schule ist groß, denn ein leerer Bauch lernt nicht gut - und lernen müssen die Kinder immer länger.
Wegen der Schulzeitverkürzung am Gymnasium und der damit einhergehenden Unterrichtsverdichtung ab Klasse fünf haben zukünftig schon Zehnjährige bis in den Nachmittag hinein Unterricht. Die Schulen sind für diesen faktischen Ganztagsbetrieb nicht ausgerüstet. Es fehlen Küchen und Mensen, um die Schülerinnen und Schüler zu versorgen. In den offenen Ganztagsgrundschulen wird zwar ein Mittagessen für die Kinder angeboten. Es mehren sich aber Berichte, dass Kinder nicht am Mittagessen teilnehmen oder sogar vom Ganztag abgemeldet werden, weil die Familien sich die Zuzahlungen zu den Mahlzeiten nicht leisten können. Das ist ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft. Lehrerinnen und Lehrer berichten außerdem, dass immer mehr Kinder ohne Frühstück, ohne Butterbrote oder andere Nahrungsmittel in die Schulen kommen und einige Familien es an Fürsorge für ihre Kinder mangeln lassen.
Aus all diesen Gründen fordert die grüne Landtagsfraktion in ihrem Antrag "Schulessen für alle Kinder" das Recht auf eine warme Mahlzeit für jedes Kind im nordrhein- westfälischen Schulgesetz zu verankern. (
aus: Landtag intern 04/2007)
Die Einführung der Ganztagsschule ist natürlich politisch gewollt. Dazu sind auch Ende 2005 die Ganztagserlasse geändert worden und den Haupt- und Realschulen wird dies durch eine zusätzliche Lehrerzuweisung schmackhaft gemacht.
Allerdings müsste allen verantwortlichen Bildungspolitikern klar sein, dass die Einführung der Ganztagsschule keine besseren Schülerleistungen erbringt. Viele Ganztagsschulen haben - so wie die offene Ganztagsgrundschule - ein falsches Etikett, weil sie eine Mogelpackung sind. In ihnen findet nämlich sehr oft kein Ganztagsunterricht statt, sondern lediglich eine Ganztagsbetreuung. Die ist für einen kleinen Teil der Schülerinnen und Schüler auch manchmal ganz nützlich, aber eben nicht für jeden und nicht immer!
Es ist fatal zu glauben, dass sich die Schülerleistungen dadurch bessern; die werden nur besser durch besseren Unterricht. Guter Unterricht hat aber mit Ganztagsschule so wenig gemein wie die Kuh mit dem Sonntag. Auch das Sozialverhalten wird nur zu einem kleinen Teil verbessert, da dies hauptsächlich durch das Leben in der Familie bestimmt wird. Durch die Ganztagsbetreuung verabschieden sich nämlich nur noch mehr Familien von ihren Erziehungsaufgaben, weil sie glauben, dass jetzt alles in der Händen der Schule liegt und die das ja machen kann.
Politiker müssten außerdem - in Erinnerung an ihre eigene Schulzeit - wissen, dass Kinder und Jugendliche auch manchmal die Nase voll von Schule haben. Sechs Stunden in dieser Umgebung reichen da völlig! Wie schön wäre es, wenn es nachmittags tolle Programme zur Freizeitgestaltung gäbe, die nicht alle in Schulgebäuden stattfänden! Die gab es früher zuhauf von verschiedenen Vereinen, kirchlichen Gruppen und Trägern der Jugendhilfe. Was hat man gemacht? Sie aus Kostengründen geschlossen und das Geld für Betreuung in offenen Ganztagsschulen verwendet. Ein weiterer fataler Fehler, den meist die Schulträger begangen haben.

Glücklicherweise gibt es Elterninitiativen, die das erkannt haben und sich für alternative Betreuungsarten einsetzen. Ein Beispiel ist die Initiative für die Vielfalt in der Schulkinderbetreuung in Bonn, die versucht, Politiker davon zu überzeugen, dass Ganztagsschulen nicht das Gelbe vom Ei sind. Die Argumente sind nicht nicht von der Hand zu weisen. Wenn Sie auch der Meinung sind, dass anstelle von offener Ganztagsschule freie Angebote vorhanden sein sollten, sollten Sie diese Initiative unterstützen.

Ganztag statt Samstag
Sechstagewoche an NRW-Schulen ist der falsche Weg

Die generelle Einführung des Samstagsunterrichts ist der hilflose Versuch der schwarz-gelben Landesregierung von der eigentlichen Aufgabe abzulenken, den Ganztag flächendeckend auszubauen. CDU und FDP haben ohne begleitendes Konzept das Abitur nach zwölf Schuljahren in Nordrhein-Westfalen eingeführt. Für Gymnasiastinnen und Gymnasiasten bedeutet das zwangsläufig mehr Unterricht bis in den Nachmittag hinein. Aber weil vor allem CDU-Schulministerin Sommer offensichtlich überfordert ist, gibt es kein pädagogisches Ganztagsprogramm. Es gibt keine finanziellen Hilfen für ein Mittagessen und keine zusätzlichen Investitionsmittel für Kantinen oder für Räume für die Hausaufgabenbetreuung. Der massive Protest der Eltern ist berechtigt. Aber anstatt die Städte und Gemeinden jetzt beim weiteren Ausbau des Ganztags zu unterstützen, gibt die Landesregierung den Samstag für den Unterricht generell frei. Diese vermeintliche Wahlfreiheit ist eine Billiglösung für das Land. Am Ende fehlen den Kommunen die finanziellen Mittel, den Kindern und Eltern die wichtige gemeinsame Familienzeit am Wochenende und den Schülerinnen und Schülern ein pädagogisch durchdachter Ganztag. Auch hier hagelt es Proteste; 75 Prozent Ablehnung in den Umfragen sprechen eine deutliche Sprache. Dass die Sechstagewoche für die Schülerinnen und Schüler der falsche Weg ist, liegt auf der Hand: Der freie Samstag bzw. das Wochenende dient der Erholung und wird von den Familien für gemeinsame Aktivitäten genutzt. Viele Lehrerinnen und Lehrern nutzen den Samstag bzw. das Wochenende für Unterrichtsvorbereitung, Klausurkorrekturen und Fortbildung. Außerdem hat die Regierung Rüttgers den Schulen auferlegt, dass Elternsprechtage auch samstags stattfinden. Ein großer Teil der Kinder und Jugendlichen nimmt insbesondere am Samstag an Sportveranstaltungen teil oder besucht sie. Den Kommunen würden zusätzliche Kosten etwa für das Heizen der Schulgebäude, für Personal und vor allem für Schülerfahrtkosten entstehen. Für die SPD im Düsseldorfer Landtag ist klar: Ganztag statt Samstag! (aus: Landtag Intern 22/2007)

Schule am Samstag - nein danke!

Kinder gehören am Samstag zu ihren Familien und nicht in die Schule. Der aktuelle Erlass des Schulministeriums zur Wiedereinführung des Samstagsunterrichts unterstreicht, dass CDU und FDP die Konsequenzen ihrer bildungspolitischen Entscheidungen nicht überblicken. Das gilt besonders auch für die Schulzeitverkürzung am Gymnasium, die schon in der fünften und sechsten Klasse den Schultag bis weit in den Nachmittag ausdehnt. Hierfür sind die Schulen nicht ausgestattet. Es fehlen Räume für Bewegung und Entspannung, es fehlen Mensen und Küchen. Es fehlt ein warmes Mittagessen für die Kinder und Jugendlichen. Es fehlt ein vernünftig strukturierter und entsprechend ausgestatteter Ganztag nicht nur an den Gymnasien. Der neue Erlass ist der Offenbarungseid der Landesregierung in Sachen Ganztag. Statt mehr Zeit für ein neues Lernen im Ganztag zu ermöglichen und dabei die Erkenntnisse aus der Neurobiologie und Lernpsychologie für besseren Unterricht umzusetzen, sollen nach längst überholtem Muster althergebrachte Stunden auf sechs Tage verteilt werden. Die Regierung will sich mit dieser für das Land billigsten aller Lösungen aus der Affäre ziehen. Da stört es auch nicht, dass die wenige Zeit, die eine Familie gemeinsam verbringen kann, geopfert werden muss. Übrigens: Auch Lehrerinnen und Lehrer haben Familie! Arbeitnehmerrechte scheinen bei der Landesregierung aber eh abgeschrieben. Der Erholungsbedarf von Schülerinnen und Schülern oder das Recht auf freie Zeit spielen ebenso wenig eine Rolle. Wir brauchen den Ganztag für alle Schulen und keine Ausweichmanöver. Wir brauchen einen neuen Rhythmus in der Schule, mehr Zeit für das Lernen und für ein verbessertes Klima zwischen Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern sowie den Eltern. Wir brauchen auch eine Familienzeit, die frei ist vom Schuldruck. Mit unserem Antrag „Ganztag statt Samstag“ fordern wir die Landesregierung auf, die Kinder am Samstag in ihren Familien zu lassen, und stattdessen einen konsequenten Ganztagausbau auf den Weg zu bringen. (aus Landtag Intern 22/2007)

Ziel bei beiden Parteien ist eindeutig der Slogan: "Ganztag statt Samstag! Allerdings ist ihre Begründung auch nicht stichhaltig. Ob nämlich das Familienleben am Wochenende besser ist, hängt nicht vom schulfreien Samstag ab, sondern von der intakten Familie.
 
Turbo-Abitur nicht ohne Ganztag

Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer sowie die Eltern in Nordrhein- Westfalen sind sich einig: Das Abitur nach zwölf Schuljahren - vier Jahre an der Grundschule, acht Jahre am Gymnasium (G8) - führt in der von der schwarz-gelben Landesregierung beschlossenen Form zu einer unerträglich hohen Stundenbelastung gerade bei den jüngeren Schülerinnen und Schülern. Denn die Schulen werden mit den Folgen des Turbo-Abiturs allein gelassen. Notwendige Rahmenbedingungen werden nicht geschaffen, die landesweiten Proteste ignoriert. Das deutliche Signal, dass die Eltern ihre Kinder vermehrt an Gesamtschulen anmelden, um ihnen den zeitlichen Druck am Gymnasium zu ersparen, bleibt ebenfalls unbeachtet. Haushaltsanträge der SPD-Landtagsfraktion, mit denen die Wünsche der Schulen, der Eltern, der Schülerinnen und Schüler sowie die Anregungen zahlreicher Expertinnen und Experten aufgegriffen wurden, haben die Landesregierung und die CDU/-FDP-Koalition immer abgelehnt. Stattdessen zuckt die zuständige CDU-Schulministerin mit den Schultern oder verweist auf die Möglichkeit, wieder den Samstagsunterricht einzuführen. Diese Billiglösung für das Land will nun überhaupt keiner mehr.
CDU und FDP haben ohne ein Konzept für den Ganztag das Turbo-Abitur an den Gymnasien eingeführt. Dabei ist der Ganztag der Schlüssel für die erfolgreiche Umsetzung des G8. Wir brauchen in NRW umgehend ein pädagogisch begründetes Konzept für ein ausreichendes Angebot von Ganztagsplätzen an den Gymnasien, das die Erwartungen und Wünsche der Familien und der Kinder an Bildung, Erziehung und Betreuung berücksichtigt. Im Kern geht es in diesem Vorschlag der SPD im Düsseldorfer Landtag um eine gut organisierte Ganztagsschule mit rhythmisiertem Unterricht, regelmäßigen außerunterrichtlichen Angeboten und einem richtigen Mittagessen in entsprechenden Räumlichkeiten. Hier reicht es nicht, nur ein paar Tische und Stühle zusammenrücken und einen Essenslieferanten zu bestellen, wie es dem Schulministerium vorschwebt. Unverbindlicher und unverantwortlicher geht es nicht. Vielmehr ist ein Landesprogramm notwendig, durch das Investitionen der Schulträger für eine ganztagsgerechte Ausstattung der Schulen und Angebote gefördert werden. (
aus: Landtag intern 2/2008)

 
Meine persönliche Erfahrung mit Samstagsunterricht und Ganztagsunterricht:

Als ich 1966 meinen Schuldienst begann, war Samstagsunterricht die Regel. Oft mussten wir am Samstag auch 6 Stunden unterrichten. Wir versuchten den Stundenplan so zu gestalten, dass wir am Samstag möglichst keine sechs Stunden unterrichten mussten, sondern nach der 4. Stunde frei hatten und damit auch etwas früher in das Wochenende starten konnten. Wir haben uns immer riesig gefreut, wenn uns das gelang.
Die Verteilung unserer 30 Wochenstunden - die wir damals unterrichten mussten - auf sechs Wochentage hatte den Vorteil, dass man  durchschnittlich 5 Stunden pro Tag zu unterrichten hatte. Das war erträglich. Wenn wir samstags nach der 4. Stunde frei hatten, bedeutete das, dass wir an zwei Wochentagen 6 Stunden unterrichten mussten. Das war schon härter.
Nachmittagsunterricht kannten wir nicht, das Wort "Stress" gab es übrigens auch noch nicht, das kam erst Ende der 70er auf. Alles verteilte sich auf 6 Vormittage. Den Hausaufgabenerlass, der Zeit der Hausaufgaben begrenzte und festlegte, dass man übers Wochenende keine Hausaufgaben aufgeben durfte, gab es auch noch nicht.
Wir merkten als Lehrerinnen und Lehrer alle, dass die Aufmerksamkeit und Aufnahmefähigkeit jeweils am Morgen am besten war und in der 5. und 6. Stunde deutlich nachließ. So legten wir dort Stunden wie Kunst, Musik, Sport, Heimatkunde, Werken und Naturlehre hin. Wir schrieben jede Woche ein Diktat, 10-12 Klassenarbeiten für Deutsch im Jahr und hatten 6 Stunden Deutsch und fünf Stunden Mathematik in der Woche. Englisch gab es noch nicht. Zentrale Diktate und Aufsätze gab es auch. Wir bekamen an einem bestimmten Tag morgens vom Schulleiter verschlossene Umschläge mit den Themen ausgehändigt und mussten diese anschließend als  Klassenarbeit schreiben.
Als ich dann in den 70er Jahren in der Hauptschule unterrichtete, kamen Englisch, Physik/Chemie und Arbeitslehre als neue Fächer hinzu. Wir  unterrichteten in 30-, 45-, 60- und 90-Minuten-Einheiten, teilten die  Klassen in  A-, B- und C-Kurse und durften alle 14 Tage  einen Samstag frei machen, wenn  die Schulkonferenz, die durch das neue Schulmitwirkungsgesetz eingeführt worden war, das beschlossen hatte. Der Schulträger  musste zustimmen und es gab viele unzufriedene Eltern, die  ihre Kinder in unterschiedlichen Schulen hatten, die  einmal samstags unterrichtsfrei machten, während andere das gerade nicht taten.
Wir schlugen uns mit der neu aufgekommenen Mengenlehre herum und machten unsere ersten Betriebspraktika. Die Schulträger hatten erkannt, dass man den Samstagsunterricht besser regeln musste. Die Stimmen des örtlichen Schulpsychologischen Dienstes, der die Verteilung des Unterrichts auf 6 Wochentage wegen des geringeren Leistungsdrucks und der besseren Arbeitsverteilung vehement verteidigte, wurden vom Schulausschuss in den Wind geschlagen. Es gab schließlich Energiekrisen, die man zum Anlass nahm, für alle Schulen bestimmte Samstage (z.B. den ersten und dritten im Monat) unterrichtsfrei zu machen. Die einsetzende Arbeitszeitverkürzung  und der allgemeine politische Slogan "Samstags gehört Papi mir!" führten schließlich dazu, dass der Samstag unterrichtsfrei wurde und ein entsprechender Hausaufgabenerlass veröffentlicht wurde.
Als Folge davon mussten wir mehrere Stunden auf den Nachmittag legen (vorrangig Sport, Arbeitsgemeinschaften und Wahlpflichtkurse), was aber nicht so schlimm war, weil wir viele Kolleginnen oder Kollegen an der Schule hatten, die das gerne machten, weil sie dort ihre Hobbys mit den Schülergruppen ausleben konnten. Auch die Schüler kamen gern. Der Unterricht endete 13:20 und der Nachmittagsunterricht begann um 15:00 Uhr. Es waren allerdings immer dieselben Lehrerinnen und Lehrer, die den Nachmittagsunterricht bestritten, weil sie bestimmte Fächer  erteilten. Damit konnten eigentlich alle leben.
Vom Samstag als Unterrichtstag sprach bald keiner mehr. Er gehörte mehr und mehr zum Wochenende und es war völlig klar, dass man am Freitagmittag mit der Schule abschloss und ins heiß ersehnte Wochenende wechselte. Alle spürten nämlich immer mehr, dass sich die Arbeit über die restlichen 4 1/2 Tage deutlich verdichtet hatte und dass man am Freitagmittag "kaputt" war.
Lediglich die Schulfeste wurden noch samstags gefeiert. Aber sie waren schön, weil das immer ein freiwilliger freier Tag war, den man zum Feiern auserwählt hatte, bei dem viele Eltern kamen und den man auch als "Feiertag" ansah. Die Arbeitsbelastung stieg immer mehr, trotz der Senkung der wöchentlichen Pflichtstunden auf 27.
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Noch schlimmer wurde es, als ich 1989 zur Gesamtschule wechselte. Die Pflichtstundenzahl betrug hier zwar nur 24,5, aber die Verweildauer in der Schule war ungleich höher. Allen war es völlig klar, dass der Samstag frei war und dass an den anderen Tagen von 8:00  bis 16:00  Unterricht stattzufinden hatte. Die Eltern wollten, dass die Schülerinnen und Schüler alle ihre Hausaufgaben in der Schule erledigten und dass sie am Wochenende nicht auch noch mit "Schulkram" behelligt wurden. Sie hatten schließlich die Gesamtschule  als Ganztagsschule gewählt, weil sie während der Woche  beide arbeiten mussten und sich nicht um die Kinder kümmern konnten. Das sei ja schließlich die Aufgabe der Schule, sagten sie.
Einfältigerweise legte ich die  "leichteren" Stunden wie Kunst, Musik, Technik, Sport, Wahlpflichtkurse und Arbeitsgemeinschaften auf den Nachmittag, wurde aber schnell durch die Schulaufsicht dienstlich belehrt, dass  ich den Unterricht zu "rhythmisieren" hätte und gefälligst auch Mathematik,  Englisch, Deutsch und Latein auf den Nachmittag zu legen hätte. Schließlich hätten die Schülerinnen und Schüler nach psychologischen Erkenntnissen am Nachmittag wieder ein "geistiges  Hoch", das es auszunutzen gelte.
So wurde jeder Tag ein Stress-Tag, besonders für diejenigen, die viel Nachmittagsunterricht zu erteilen hatten; alle sehnten sich nach dem Wochenende.  Für die Oberstufenklassen gab es manchmal einen 10-Stunden-Tag, der zwar durch die Mittagspause und die eine oder andere Freistunde unterbrochen wurde, was aber an der langen Anwesenheit nichts änderte. Der Dienstagnachmittag wurde unser Konferenztag, deshalb mussten die Stunden vom Dienstagnachmittag auf den Freitagnachmittag verlegt werden. Bitter. Die Fehlquote der Schüler stieg. Alle wollten am Freitag um 14:00 Uhr Wochenende haben - wie ihre Eltern.  Und nichts mehr zu Hause tun: nur "abhängen", Partys feiern und Stapel von Videos konsumieren. Bücher und Hefte hatten sie sowieso in der Schule in ihrem Schließfach gelassen. Hausaufgaben brauchten sie von Freitag auf Montag keine zu machen. Schließlich wollten sie von Freitagmittag bis Montagmorgen nichts mehr mit der Schule zu tun haben. Die Leistungen wurden durch den Ganztag nicht besser. Im Gegenteil: Vokabeln wurden nicht mehr am Wochenende gepaukt, nachgelesen oder wiederholt wurde auch vielfach nichts mehr, weil die Schulbücher in der Schule und nicht zu Hause waren.
Am Montagmorgen war oft nichts mehr mit ihnen anzufangen. Und der Stress für die Kolleginnen und Kollegen begann aufs Neue...

Vielleicht hilft Ihnen meine kleine, individuelle Entwicklungsgeschichte zur Entscheidung in Ihrer Schulkonferenz. Meiner Meinung nach macht nämlich das Ministerium wieder einen geschickten Schachzug. Statt deutlich zu sagen: "Samstagsunterricht für alle!" oder "Ganztagsunterricht für alle!" wird die Entscheidung auf die Schulkonferenz abgewälzt. Diese wird zu endlosen Diskussionen verleitet, die zu keinem Ergebnis führen, weil die Meinungen und Begründungen zu unterschiedlich sind. Hier drückt sich das Ministerium vor einer Entscheidung - genau so wie beim Rauchen in der Schule oder bei den Kopfnoten in den Zeugnissen.
Ich halte das für eine große Schwäche unserer Bildungspolitiker. Warum hat keiner den Mut, sich zu einer deutlichen Entscheidung zu bekennen? Warum müssen wieder alle Schulkonferenzen unendlich diskutieren und die fehlende Entscheidungskompetenz der Bildungspolitiker ersetzen?
Haben nicht Lehrerinnen und Lehrer schon genug unter unausgegorenen Bildungskonzepten zu leiden?

Ich brauche nicht darauf gespannt zu sein, wie die Diskussion ausgeht. Da keiner mehr samstags arbeiten will, wird der Schulalltag aller Schülerinnen und Schüler demnächst länger werden. So können die Eltern ihre Kinder leichter loswerden und im Glauben gelassen werden, dass sie gut versorgt sind und alle ihre Hausaufgaben in der Schule erledigen, sodass sich die Eltern zu Hause nicht mehr um sie kümmern müssen.

Weitere Hinweise:

Thema/Titel Internet-Adresse
Das Schulministerium NRW hat ein eigenes Internetangebot für Ganztagsschulen im Netz, das alle wesentlichen Informationen zu Ganztagsschulen enthält. www.ganztag-nrw.de
   
   

 Letzte Aktualisierung dieser Seite am 13.05.10

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