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Indien ist ein
Erlebnis. Unvergleichlich mit anderen Ländern: die Masse der
Menschen, die Lebensweise, die Götterwelt, einfach alles;
besonders aber die Armut!
Ich kann es einfach nicht mehr hören, wenn davon gesprochen wird,
dass in Deutschland 26,4% aller Menschen an der Armutsgrenze leben.
Ich glaube, dass Deutschland gar nicht mehr weiß, was Armut
eigentlich ist und wie "Armut" definiert werden soll. Die deutsche
Definition von Armut kann es jedenfalls nicht sein. Wenn jemand
Arbeitslosenhilfe bezieht und dazu Wohngeld bekommt, die
Waschmaschinenreparatur bezahlt bekommt und die Kinder in der Schule
Taschenrechner, Bücher und Klassenfahrten nicht zu bezahlen
brauchen, so ist das eine fürstliche Armut - verglichen mit dem, was
in anderen Ländern als arm gilt.
Indien wäre so ein
Beispiel. Die Inder behaupten im Jahre 2010, sie hätten die Armut
überwunden. Jeder könne arbeiten, wenn er nur wolle. Es läge
schließlich an jedem selbst, ob er arbeiten wolle oder nicht. Auch
bei 1,2 Mrd. Menschen sei das der Fall. Und wer gar keine Arbeit zu
finden glaubt, für den hat der Staat Beschäftigungsprogramme.
Während der drei Monate im Jahr, in denen es keine Ernten gibt, bei
denen Erntehelfer gesucht werden, kann man im Straßenbau arbeiten -
auch als Frau -, bei der Verkehrsregelung mithelfen, öffentliche
Gebäude reinigen oder Grünflächen sauber halten u.v.a.m. Als Entgelt
erhält man 300 Rupien täglich (= 4,80 €). Das ist der Betrag, mit
dem man lt. Regierung auskommen kann. Schließlich gibt es ja auch
noch Familienmitglieder und Verwandte, die die Verpflichtung haben
füreinander zu sorgen. In diesem Sinne ist es nach Ansicht des
Staates also auch gar nicht so schlecht viele Kinder zu haben
(lieber Jungen als Mädchen natürlich, weil man dadurch die Mitgift
und teure Hochzeit spart). Indien ist stolz auf seine
Bevölkerungszahl und erwartet mit 1,4 Mrd. Menschen China zu
überflügeln und der mächtigste Staat zu werden (welch ein Wahn!).
Menschen wären ein ungeheures Potential, sagen die Politiker.
Deutsche Schülerinnen und Schüler sollten während ihrer Schulzeit
unbedingt einmal Indien besuchen! Eine Klassenfahrt nach Indien wäre
das Richtige! Bereits eine Woche Indienaufenthalt in einer Familie
würde vollkommen reichen, um sämtliches Anspruchsdenken auf ein
Mittelmaß zurückzuschrauben. Die wesentlichen Probleme des Lebens
mit allen menschlichen Grundbedürfnissen (essen, wohnen, arbeiten,
miteinander leben) würden ihnen in dieser Zeit in einer
komprimierten und drastischen Form hautnah verdeutlicht.
Die Schülerinnen
und Schüler würden erkennen,
-
dass man die
Speisen so kräftig würzen kann, dass man nicht mehr schmecken
kann, ob es sich um Fleisch, Fisch oder Tofu handelt,
-
dass Wasser
ein außerordentlich kostbares Lebensmittel ist, das man nicht
einfach verschwenden darf,
-
dass eine
funktionierende Toilette mit Wasserspülung eine hoch
einzuschätzende technische Errungenschaft ist, die man mutwillig
nicht verstopfen sollte,
-
dass eine
asphaltierte Straße, ein begehbarer Bürgersteig und ein
staubfreier Schulhof eine fantastische Sache sind, die man
schätzen sollte, weil man sich nicht durch Kot und Schmutz den
Weg suchen und seine Schuhe jeden Abend davon säubern muss,
-
dass jeder
jeden irgendwie zu übervorteilen sucht, weil er aus dem
bisschen, das er verdient, ein bisschen mehr machen will.
(Beispiel: Die Bauern vermischen ihre Milch mit Wasser und
verkaufen sie als Vollmilch. Alle wissen das und kaufen sie
trotzdem, weil sie die Milch dringend benötigen.),
-
dass jeder
jeden irgendwie beschummelt und die Wahrheit so auslegt, wie sie
für ihn günstig erscheint,
-
dass das
traditionelle Kastensystem sehr hinderlich für die positive
Weiterentwicklung des Staates und der Gesellschaft ist, weil es
viele fortschrittliche Entscheidungen nicht zulässt,
-
dass Frauen
in vielen Bereichen deutlich weniger Rechte und Chancen haben
als Männer,
-
dass Eltern
darüber bestimmen, ob ihre Kinder zur Schule gehen sollen oder
nicht (Es gibt keine allgemeine Schulpflicht, was dazu führt,
dass man in den ärmeren Schichten einfach kalkuliert, ob nicht
die Arbeitskraft von Kindern in der Familie, auf dem Feld, in
der Heimarbeit oder in der Fabrik mehr für den Lebensunterhalt
der Familie beiträgt, als wenn sie die Kinder in die Schule zu
schicken und auch noch dafür zusätzliches Geld für Bücher,
Kleidung und Essen ausgeben müssen),
-
dass Indien
die allgegenwärtige Korruption beseitigen muss, wenn es stabile
Verhältnisse schaffen und als verlässlicher Partner gelten will
(Beispiel:
Bei den Wahlen sorgen die Abgeordneten der untersten Kasten und
der ärmsten Bevölkerungsschichten mit Geldgeschenken dafür, dass
diese zur Wahl gehen und sie wählen. Da es keine Wahlpflicht
gibt und die Wahlbeteiligung sehr gering ist, werden also die
Abgeordneten gewählt, die am besten bestechen können und nicht
die, die die fähigsten sind. Anderes Beispiel: In Bharatpur
haben die armen Bauern vor der Wahl einer Partei angekündigt,
sie würden sie nur wählen, wenn anschließend Selbstbau-Autos
ohne Karosserie zugelassen würden. Die betreffenden Abgeordneten
haben das versprochen, wurden gewählt und jetzt fahren dort auf
den Straßen viele billige Selbstbauautos ohne Karosserie herum -
Bild: Selbstbau-Auto.),
-
dass der
Mindestlohn eines Arbeiters oder Angestellten je nach Ausbildung
80...150 Rupien pro Tag beträgt, das sind etwa 1,30...2,40 € (
Ein Auszubildender im Hotelgewerbe verdient zwischen 500...1000
Rupien pro Monat (etwa 8...16 €). Eine Flasche Wasser kostet 10
Rupien, ein Liter Milch 12...15 Rupien. Ein Lehrer an einer
staatlichen Schule verdient zwischen 280...400 €uro im Monat,
hat aber Krankenkasse und Wohnung frei.),
-
dass man
relativ leicht Arbeit findet, wenn man eine Ausbildung im
naturwissenschaftlichen oder technischen Bereich hat oder gute
Computerkenntnisse nachweisen kann (andererseits aber auch im
weniger gut bezahlten Verkaufsbereich arbeiten will, flexibel
ist und weiter entfernte Stellen anzunehmen bereit ist; die
Zeitungen sind voll von Stellenangeboten),
-
dass Kühe
und viele andere Tiere heilig sind und nicht verjagt werden,
weil sie im früheren Leben Menschen gewesen sind oder weil man
später nach dem Tode selbst als solch ein Tier wiedergeboren
wird,
-
dass es ein
sehr unübersichtliches und schwer zu verstehendes Göttersystem
gibt,
-
dass es sehr
chaotisch wird, wenn die Menschen ihre Regeln und Gesetze nicht
einhalten, sondern
Øbewusst
über Zäune und Absperrungen klettern,
Øbewusst
als Geisterfahrer auf der Gegenfahrbahn fahren,
Øihren
Müll überall aus dem Fenster werfen,
Øvorgezeichnete
Wege in Parks bewusst nicht einhalten, sondern sich eigene
Trampelpfade
schaffen,
ØVerkehrszeichen
bewusst missachten,
ØVerkehrsregeln
ohne Kontrollen nicht einhalten,
Øihre
Fahrzeuge über die Grenzen der Belastbarkeit und Sicherheit
beladen,
Øsich
unrechtmäßige Vorteile durch Absprachen, Bestechung oder Betrug
verschaffen.
Das ist natürlich
nicht alles. Aber durchaus genug, um alles innerhalb einer
einwöchigen Klassenfahrt zu beobachten und sich ein paar Gedanken zu
machen. Das würden Schülerinnen und Schüler mit Sicherheit auch,
wenn sie die Menschen bei ihrer Arbeit auf der Straße, in den
Geschäften oder auf dem Feld beobachten. Dazu brauchen sie nicht
einmal ein Betriebspraktikum. Es ist nämlich erschütternd, wie
ineffektiv und mit welcher Arbeitsmoral gearbeitet wird.
Andererseits verdeutlicht es drastisch das Problem der sinnvollen
Beschäftigung eines Landes mit einer Milliardenbevölkerung.
Ein typisches
Beispiel:
Eine Gruppe von
Gärtnern schneiden riesige Flächen von Buchsbäumen in einem Park.
Jeder hat eine Schere und schnibbelt vor sich hin. Dazwischen steht
ein Aufseher und kontrolliert, dass sich keiner zwischen den Hecken
versteckt und zu schnibbeln aufhört. 5 weitere Frauen und ein
Aufseher kehren Laub und Schnittgut mit primitiven Reisigbesen
zusammen. Theoretisch könnte ein einziger Gärtner mit einer
elektrischen Heckenschere und einer Kehrmaschine locker in einer
Stunde das schaffen, wofür 5 Gärtner und ein Aufseher einen ganzen
Tag benötigen. Aber dann wären 11 Personen beschäftigungslos. Dieses
Dilemma ist nicht einfach zu lösen, müsste aber diskutiert werden.
Im Straßenbau sieht
das so aus: Eine 1km lange Strecke soll einen Bürgersteig bekommen;
dafür sind 10 Leute abgestellt, die keine einzige Maschine zur
Verfügung haben. Alles wird mit der Hand gemacht: der Untergrund
ausgehoben, Steine ausgegraben, eingeebnet, Kantsteine eingepasst,
Sand eingefüllt, Schotter aufgefüllt, planiert, Steine oder Platten
geschnitten, Mörtel angemischt, verlegt, verdichtet, verfugt. Als
Transportmittel sind eine Schubkarre und Körbe vorhanden, die auf
dem Kopf getragen werden. Arbeitshandschuhe sind nicht vorhanden.
Ein Dixi-Klo natürlich auch nicht. Manchmal sind das Arbeitskolonnen
oder auch Familien, denen die Arbeit übertragen wird.
So dauert das also
einen Monat oder noch länger (in Wirklichkeit ein halbes Jahr oder
länger). Aber die Katastrophe ist eine andere: Zunächst einmal ist
kein Presslufthammer und auch keine Rüttelmaschine vorhanden, die in
der Lage wäre, den Untergrund vernünftig zu verdichten, damit die
Steine oder Platten fachgerecht und belastbar verlegt werden können.
Eine Trennscheibe ist auch nicht da, um die Platten oder Steine zu
beschneiden; sie werden also gebrochen oder die Fläche wird einfach
so verlegt, dass es gerade passt. Der Rest an der Seite, der einen
halben Stein oder eine halbe Platte erfordert, wird eben frei
gelassen und mit Mörtel ausgeschmiert. Von Qualitätsarbeit kann also
keine Rede sein.
Nachdem ein Stück
fertig ist, wird es abgesperrt, damit der Zement anzieht und die
Fläche begehbar wird. Da sich hier in Indien aber keiner an die
Regeln hält, wird die Absperrung grundsätzlich missachtet, man parkt
dort oder fährt mit irgendwelchen Fahrzeugen darüber. Die Folge ist,
dass alles nach wenigen Tagen wieder kaputt ist. Die nunmehr 100m
weiter arbeitende Truppe kümmert sich aber nicht darum, weil sie ja
ihre Arbeit vollendet hat und nicht dafür verantwortlich ist, was
hinterher damit passiert.
So ist das mit
vielen Dingen: Elektroanlagen, Hausbau, Installation,
Fahrzeugreparatur: Alles ist auf die kurzfristige Funktion angelegt
und nicht auf langfristige Haltbarkeit. Zurückzuführen ist das auf
fehlende Verantwortlichkeit, Schulbildung oder Ausbildung. Es total
frustrierend, das mit anzusehen.
Wenn Schülerinnen
und Schüler diese Arbeitsweisen beobachten könnten, würde es ihnen
einleuchten, welche Qualifikationen für ein erfolgreiches Fortkommen
erforderlich sind. Jeden Tag würden sie neue, erstaunliche
Einsichten gewinnen und feststellen, dass es ihnen in Deutschland
gar nicht so schlecht geht und dass man darüber nachdenken sollte
sich etwas mehr anzustrengen, um bessere Lebensbedingungen zu
erreichen. Die Chancen sind nämlich alle vorhanden.
So, jetzt habe ich
meinen Frust losgelassen, weil ich nämlich im Grunde genau weiß,
dass keine Klasse eine Klassenfahrt nach Indien machen wird.
Ich fahre aber auch
nicht mehr nach Indien. |